60 km Downhill – dem Tod entgegen?

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60 km Abfahrt. Über 3200 Höhenmeter, von etwa 4400 Meter über Normal Null auf etwa 1200 Meter ü.NN. Das alles mit dem Fahrrad. Auf der berüchtigten Todesstrasse in der Nähe von La Paz. Schliesslich werden hier T-Shirts mit der Aufschrift „Survivor of the Death Road“ (Überlebende/r der Todesstrasse) verkauft. Tatsächlich begegnen wir den Menschen, die eben dieses T-Shirt tragen, während sie mit einem Fully über die Steine hinwegfegen. Und ich?

 

Samstagmorgen in La Paz. 9:15 Uhr. Campbell (UK), Michel (aka Mike, Österreich), Garth (Australien) und ich machen uns auf den Weg. Erstmal nur durch die Stadt zum Busterminal. Naja, auch das kann anstrengend werden, sind es doch über 300 Höhenmeter, die die Strassen bis dahin hochklettern. Ich dachte, wir nehmen für genau diese Zwecke den Bus… Irgendwie war ich vom Kopf her nur auf runter eingestellt.

Gegen 10 Uhr erreichen wie den Busbahnhof und verhandeln mit einem Collectivofahrer, der uns und unsre 4 Fahrräder mit auf den Pass nimmt. Sobald alle Plätze belegt sind, geht’s los. Raus aus der Stadt, entlang vegetationsarmer Mondlandschaften, Rauf auf den Paso La Cumbre.

Dort kurzer Stopp, Abladen unserer Fahrräder. Ab hier geht’s für uns mit den Rädern weiter. Noch schnell ein Gruppenbild machen. Letzter Materialcheck, Feinjustierung und Kontrollieren der Bremsen.

Dann geht’s erstmal 30 km auf feinstem Asphalt runter. Toll so leichte Fahrräder zu haben, hat doch jeder von uns nur minimalistes Gepäck dabei. Wasser, warme Sachen, rudimentären Regen- und Windschutz, ein paar Kekse und Flickzeug. Die Handschuhe werden schon nach etwa 3 Kilometern rausgeholt. Kalt hier, besonders wenn noch der Fahrtwind dazukommt. Campbell und ich jagen mit 70 Sachen die Strasse entlang. Runterzu haben selbst die meisten Autos Probleme uns zu überholen und wir überholen so einige Lkws. Wow, was ein Spass!!!

Nach 30 km die Abzweigung zur Todesstrasse. Ab jetzt geht’s auf Schotter weiter. Mehr für Mountainbikes gedacht. Und kurz darauf treffen wir auch die unzähligen geführten Mountainbiketouren. All die Touristen und Backpacker werden mitsamt Fahrrad von La Paz bis hierher gefahren; mit Helm, Handschuhen und optional auch Arm- und Schienbeinschonern ausgestattet. Ein Guide erklärt Ihnen dann jeweils nach einer kurzen Pause und dem Sammeln aller Gruppenteilnehmer den nächsten Abschnitt: auf was zu achten ist, was die gefährlichen Abschnitte sind, wann eine Kurve kommt. Dann noch anstellen in die Schlange, um die typischen Fotos der Todesstrasse zu schiessen. Wissen doch die Guides die besten Stellen, um die Backpackertouristen entsprechend in Szene zu setzen, dass diese eben jene Fotos posten können, die viele Likes auf facebook, Instagramm und Co. garantieren. Dadurch werden die 30 km zum Ganztagesereignis.

Wir dagegen können frei fahren und uns von der Strasse überraschen lassen. Nach wenigen km die erste Strassenblockade der hiesigen Anwohner. Nur nach zahlen eines „Wegezolls“ dürfen wir mit unseren Fahrrädern passieren. Irgendwie verständlich, möchten doch auch sie etwas vom Kuchen abhaben. Allerdings macht hier jedes Dorf seine eigene Blockade, so dass wir auf der weiteren Strecke noch zweimal zur Kasse gebeten werden. Dort ist es jedoch meist nur eine Schranke durch die wir schnell durchschlüpfen. Meist sind wir schon wieder weg, bevor sie ernsthaft was machen können. Ganz im Gegensatz zu der ersten Schranke bei denen unsre Fahrräder festgehalten wurden und das ganze Dorf auf der Strasse stand.

Bitte versteht mich nicht falsch. Von mir aus können Sie gerne von den Touristen für die Nutzung eine kleine Gebühr bekommen, aber bitte besser organisiert. Einmal am Anfang für alle (Dörfer), nicht alle paar Km wieder anstellen…

Die Strasse selbst ist schon faszinierend, führt sie doch entlang von dicht bewachsenen Steilhängen immer tiefer hinab in den Dschungel. Auch die Temperaturen werden immer wärmer. Gestartet bei etwa 10 Grad kommen wir unten bei angenehmen 28 Grad an.

Die Strasse ist aber auch anstrengend, zumindest mit einem ungefederten Reiserad. Nimmt doch sonst das Gepäck einen Großteil der Schwingungen auf und federt es ab, werden hier bei unbeladenem Rad alle Stöße direkt an Rad und insbesondere meine Arme weitergegeben. Was hab ich mir hier ein Hardtail oder Fully gewünscht!

Nach 20 km wird es dann auch sehr schmerzhaft. Wünscht man sich sonst, der Spass würde niemals enden, hätte bei mir sehr gern die Strasse hier zu Ende sein können. Meine Finger waren mehr als müde, meine Unterarme schmerzten. Und zwar so sehr, dass ich teilweise vor Wut laut die Schmerzen rausgebrüllt habe! Aber was sollte ich machen? Keine Chance anders runterzukommen, selbst beim Schieben taten die Unterarme weh. Also Zähne zusammenbeissen und weiter.

Unten angekommen wartete auf uns kein Bus, der uns und unsere Räder wieder zurück nach La Paz nahm. Obwohl wir fragten, ob es die Möglichkeit gibt uns noch mitzunehmen, war nirgends mehr ein Platz frei.
Nach einer kurzen Stärkung mit einem Menu del Dia, traten wir also den Weg nach Coroico, dem nächsten Städtchen, an, von wo wir einen Bus nach La Paz bekommen sollten. 7 km entfernt, waren jedoch nochmal 500 Höhenmeter auf Kopfsteinpflaster zu überwinden. Das fehlte gerade noch! Aber auch das geht irgendwie vorbei.

Nach einer abenteuerlichen 2-stündigen Collectivofahrt zurück, war ich glücklich wieder in der Casa di Ciclistas angekommen zu sein und stellte dort fest, dass beide Unterarme lauter Hämatome aufwiesen und sich bereits da großflächige blaue Flecken abzeichneten.

Die Todesstrasse wird mir von dem her anders in Erinnerung bleiben als vorher gedacht; nicht wegen der Strasse und dem Fahrerlebnis an sich, sondern weil sie meine Schmerztoleranz weit außerhalb meiner Komfortzone getrieben hat.

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