Hinter’m Mond rechts ab

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Hinter der chilenischen Grenzstation bog ich nach rechts ab, entlang der Grenzlinie, auf eine super sandige Strasse, so dass die Reifen mehr im Sand versanken als sich vorwärts bewegten. Also hiess es VIEL Schieben. Super anstrengend. Die reine Schufterei. Diese Kreuzung stellte sich später als der Wendepunkt meiner Reise heraus. Müsste ich einen Ort und einen Zeitpunkt nennen, an dem meine Reise durch Südamerika endete und mein Südamerikaabenteuer begann, ist es genau diese Kreuzung am Lago Chungara, am 26.Oktober um 16:37 Uhr.

Nachdem wir uns einige Tage Ruhepause in der Casa de Ciclistas bei Cristian in La Paz gegönnt haben, haben Campbell und ich eines Dienstags früh beschlossen, dass es uns wieder auf die Fahrräder zieht und wir das nächste Stück Piste unter die Räder nehmen wollen. Also wurden die letzten Besorgungen gemacht, nochmal Geld abgehoben vom Bankautomaten, da wir nicht wussten, wann wir in nächster Zeit dazu wieder Gelegenheit haben sollten.

Geplant war La Paz Richtung Westen zu verlassen, in Richtung der chilenischen Grenze und die dortigen Nationalparks mit deren Vulkanen zu erreisen. Dazu mussten aber zunächst erstmal die 500 Höhenmeter überwunden werden, raus aus dem Talkessel von La Paz hoch nach El Alto. Hatten wir im Zentrum von La Paz noch Glück, da aufgrund einer Demonstration die Hauptstrasse geschlossen war, kamen wir zunächst gut voran. Die Ausfahrtstrasse war dann jedoch weniger angenehm zu fahren. Nach 2 Stunden erreichten wir die Anhöhe und waren froh, diese wuselige Stadt sehr schnell wieder verlassen zu können. Entlang von Bahnschienen und vielen Obstständen, gefolgt von Müllhalden, ging es dann auf sehr groben Schotter, Sorte Bahngleis, raus ins Hinterland. Hatte ich da bereits eine Vorahnung, dass diese Strassenverhältnisse nicht zu meinen Favoriten zählen würden, bestätigte sich das dann auch in den nächsten 6 Tagen.

Die ersten eineinhalb Tage waren zunächst noch verlockend mit einer Asphaltstrasse. Die erste Nacht kamen wir in einer Schule unter. Besonders 4 der dort unterrichteten Mädchen freuten sich über unseren Besuch und überredeten uns zu einem gemeinsamen Fussballspiel. Kein leichtes Unterfangen bei einer Höhe von über 4000 Metern. Ein kurzer Sprint von der Mittellinie zum Tor reichte aus, mich für gefühlt 5 Minuten nach Luft schnappen zu lassen. Dennoch hatten wir unseren Spass.

Am nächsten Morgen merkte ich bereits, dass irgendwas mit meinem Körper nicht stimmte. Wir fuhren erstmal los. Nach nicht mal 5 km musste ich das erste Mal anhalten. Und übergab mich. Nach weiteren 8 km (und weiteren ungeplanten Pausen), sah ich dann doch ein, dass das mit dem Fahrrad fahren heute keine so gute Idee ist. Also gab ich dem Vorschlag Campbells nach einen Ruhetag einzulegen. Und war froh, dass Campbell sehr bald einen geeigneten Platz gefunden hat, wo ich mich ausruhen konnte. Genau weiss ich bis heute nicht, was mich so ausgeknockt hat. Wahrscheinlich eine leichte Lebensmittelvergiftung oder verunreinigtes Wasser. Nach 16 Stunden Schlaf und ein paar Kohletabletten war am nächsten Tag mein Körper wieder fit und wir konnten gut weiterfahren, jedenfalls soweit das die Schotterpisten zuliessen.

So ging es dann auch die nächsten 4 Tage weiter, immer auf mehr oder weniger grossen Schottersteinen. Ab und an sorgten die „Fahrradwege“ neben der Strasse noch für Fahrspass, weil sie einen Singletrailcharakter hatten, den ich sonst beim Mountainbiken so liebe. Das ist jedoch mit einem vollbeladenen Reiserad eine ganz andere Geschichte.

Sicherlich taten hier auch die Gewitterwolken, Hagel- und Schneeregenverhältnisse, sowie ein paar Begegnungen mit verunsicherten Bolivianern (die uns Unterkunft und Hilfe verweigerten aus Angst und Unwillen Verantwortung zu übernehmen) ihr übriges, um mich diese Strecke nicht in bester Erinnerung behalten zu lassen.

So wechselte meine Stimmung dann auch mit dem Strassenbelag, von den netten Singletrails, über eklige Sandpassagen bis hin zu Wellblech- und Schotterpisten. Willkommen in Bolivien, dem Land, was weltweit unter Fahrradfahrern bekannt ist für die schlechten Pisten- und Strassenbedingungen. Willkommen auf den sogenannten Dirtroads. In diesen Tagen zeigte sich dann auch, dass Campbell und ich unterschiedliche Konditionen und Strassenbelagsvorlieben hatten (er pedalierte bereits über 4 Monate im Hinterland von Peru durch die 4000er, immer genau auf solchen Strassen und liebte es; ich noch Newbie eher weniger).

So fühlte ich mich dann auch dauerhaft unter Stress, wenn er wieder auf dem nächsten Gipfel auf mich warten musste. Alles zwar mit viel Geduld und Gentleman-Manieren, jedoch ist es hier immer eine Gratwanderung, in wieweit man bereit ist Kompromisse einzugehen bzw. die eigenen Reisevorstellungen anzupassen.

So kam es denn auch am nächsten Tag, dass ich nach dem Erklimmen eines Passes Campbell bat, dass wir uns trennen, und uns abends wieder in Charaña treffen und jeder sein eigenes Tempo bis zum Abend fährt. Campbell fuhr daraufhin sein Tempo und war sehr schnell außer Sichtweite. Ich fuhr derweil ganz langsam mein eigenes Tempo, genoss die Landschaft bei einer Mittagspause. Weiter ging es durch die bergige Landschaft, bei staubigen Pisten und brütender Hitze. So nahm ich dann auch gern die Einladung auf eine Fanta von Juan an, der mit seinen Freunden per Jeep unterwegs war und mir aus der Kühltruhe des Jeeps eine sehr angenehme Erfrischung ermöglichte.

Danach ging es weiter, die Hügel wurden gefühlt immer steiler und auch der Wind wurde zunehmend stärker. Und zwar so stark, dass ich stark bezweifelte, dass ich es abends bis nach Charaña schaffen würde. Mir verblieben noch 3 Stunden Tageslicht, allerdings hatte ich auch noch 35 km Strecke vor mir. Und mit dem bisherigen Schnitt von 7km/h (ohne Wind) liess mich das arg bezweifeln, dass ich Campbell an dem Abend Wiedersehen würde. Aber was will man in solchen Situationen machen? Erstmal weiterradeln und auf Besserung hoffen…

Derweil nahm der Wind natürlich noch zu, und liess mich mit der Sonne ganz schön ins schwitzen kommen. Eine gute halbe Stunde später kam ich in einer Ansiedlung von 4 – 5 Häusern an. Vor einem der Häuser sassen 3 Frauen, die ich fragte, ob dieser Wind denn normal wäre und ob es vielleicht eine Chance gäbe, dass der Wind im Laufe des nachmittags nachlassen würde? Die Frauen lachten. Nein, der Wind wäre normalerweise nicht so stark, aber warum ich denn nicht den Bus nehmen würde? Der würde für die verbleibenden 30 km eine Stunde brauchen.

In dem Moment schaute ich mich ganz ungläubig um, weil ich mir hier mitten im Nirgendwo keinen Bus vorstellen konnte. Schliesslich hatte es hier kaum Häuser; nur Berge, Staub und ein paar Alpacas. Aber, ungelogen, wie aus dem Nichts stand plötzlich dieser große Bus hinter mir. Den hatte ich weder kommen gehört noch gesehen. Eine Situation, als hätte ein ominöser Flaschengeist mir meinen Wunsch mit einem Fingerschnippen erfüllt. Noch schnell bei den Señoras den Fahrpreis der Einheimischen erfragt und schon sah ich mich das Gepäck und mein Fahrrad zu den anderen Reisepassagieren ins Innere des Busses hochreichen. Zunächst noch mit einem unguten Gefühl, ob der immer wieder von anderen eingebläuten Ängste, ja gut auf meine Habseligkeiten aufzupassen. Alles unbegründet. Die Señoras in dem Bus konnten gar nicht glauben, dass ich hier allein unterwegs wäre. Wüsste ich denn nicht, wie gefährlich das ist? Hier wurden doch letztens erst zwei Reisende auf der Strasse getötet…

Mit vielen guten Ratschlägen, besten Wünschen und der fürsorglichen Bewachung, während ich mein Gepäck am Fahrrad anbrachte und den Versicherungen, dass ich auch ja kein Gepäck im Bus vergessen hätte, wurde ich dann eine Stunde später auf der Plaza von Charaña abgesetzt. Das alles zu dem gleichen, fairen Fahrpreis, wie ihn auch die Einheimischen zahlen, 3 Bolivianos, umgerechnet etwa 75 Cent. Auf der Plaza wartete ich dann eine Stunde auf Campbell, den wir 5 km vor der Stadt mit dem Bus überholt hatten, der aber das Angebot einzusteigen, kategorisch ablehnte.

Den Abend begossen wir dann gründlich, ob unserer Stärke und des ungeahnten Glücks bei einem Dorffest, bei dem uns die Dorfesältesten, selbst schon mehr als angetüdelt, regelrecht abfüllten. Permanent kriegten wir neue Plastikbecher mit Bier gereicht und mussten diese auf Ex austrinken. Kein leichtes Unterfangen nach einem anstrengenden Radeltag und noch ohne einen Grundlage im Magen. Nach 8 oder 10 dieser Becher schafften wir den Absprung und gingen (in leichten Schlangenlinien) zum nächsten Restaurant.

Der nächste Tag, ein Sonntag, gestaltete sich dann auch ruhiger als von uns vorher angenommen. Hatten wir vorher noch angenommen, dass wir für die 5 km bis zur Grenze und den dortigen Grenzübertritt keine Stunde benötigten und das bis zum Mittag erledigt wäre, gestaltete sich das Ausreiseprozedere von bolivianischer Seite dann doch etwas komplizierter, da der Grenzoffizier nicht da war. Also nochmal zurück ins Dorf, erfragen im Dorf, ob jemand diesen Herrn gesehen hätte (hier ist auch genau nur eine Person verantwortlich). Nachdem wir seine Frau ausfindig gemacht hatten und sie uns mitteilte, dass ihr Mann heute zu einer Fiesta (einer Feier) im Nachbarort wäre und sie nicht wüsste, wann er wieder zurückkäme, machten wir uns also wieder auf den Weg zur Grenzstation und warteten dort. Warteten so lange, dass sich die chilenischen Grenzbeamten erbarmten und uns die Einreisestempel nach Chile gaben, ohne den sonst vorher benötigten Ausreisestempel. Jetzt stellte sich die Frage, wie weiter? Offiziell waren wir jetzt in Chile und alles hatte seine Ordnung. Aber wir wollten ja in ein paar Tagen wieder nach Bolivien einreisen, schliesslich lagen die Salzseen, allen voran der Salar de Uyuni und die legendäre Lagunenroute in Bolivien. Was also, wenn die Grenzbeamten uns dort an der Grenze die Einreisestempel verweigerten, weil wir gar nicht erst aus Bolivien ausgereist sind? Also warteten wir noch eine weitere Stunde. Inzwischen war es nachmittag. Nach 5 Stunden Warterei kam endlich der bolivianische Grenzbeamten und stempelte unsre Pässe. Eine Angelegenheit von 30 Sekunden. Aber auch das gehört irgendwie zu Südamerika.

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Den nächsten Tag trennten sich dann die Wege von Campbell und mir. Er wollte weiter auf Schotterpisten den nächsten 5200 Meter Pass erklimmen. Ich zog lieber die kürzere und nur auf 4600 Meter ansteigende Strecke auf Asphalt vor. Was nicht hiess, dass das soviel einfacher ist. Der Wind war in diesem Abschnitt von ganz anderem Kaliber als wir das von Deutschland aus gewohnt sind. Aber die Aussicht auf die umgebenden Vulkane und die surrealen Landschaft, sorgten doch immer wieder für Ablenkung.

Nah an den Vulkanen ging es dann aber auch für mich vorwiegend auf Schotterpisten weiter, aber immerhin auf Gelände des Nationalparks Lauca. So hatten die Parkranger auch gar keine Probleme, dass ich direkt neben einer Parkrangerstation mit Blick auf einen See, viele rumhoppelnde Viscachas und die beiden Zwillingsvulkane Pomerape und Parinacota zeltete. Das war die erste Nacht von einigen weiteren, in denen die Temperaturen dann auch deutlich unter den Gefrierpunkt fielen und meine Atemluft an der Außenseite meines Schlafsack kondensierte.

Weiter ging es um die Vulkane herum, deren Umrisse immer größer und deutlicher zu erkennen waren. Mit dem staubigen Wolken, die jedes Auto aufwirbelte, und den Farben hatte ich immer mehr das Gefühl eher auf dem Mond unterwegs zu sein, als auf einen Gebiet der Erde.

Beim Aussichtspunkt auf den Vulkan mit den umgebenden Lagunen, kurz vor der chilenisch-bolivianischen Grenze traf ich auf Helmut, einen Chilenen, der mir nen Apfel und Bananen schenkte, und den ich 3 Wochen später nochmal in San Pedro de Atacama wiedersehen sollte. Wie es der Zufall wollte arbeitete er in dieser Gegend als Touristenführer und versorgte mich mit vielen Insiderinformationen über meinen nächsten Streckenabschnitt.

Jetzt stand ich also an besagter Abzweigung in Chile kurz vor der bolivianischen Grenze und hatte da noch die Idee, das ich wieder auf Campbell, Tina und Thomas treffen würde, um mit ihnen zusammen die Lagunenroute unter die Räder zu nehmen. Schliesslich wurde mir von anderen Reisenden auf der Strecke gesagt, dass Campbell nur 30 Minuten vor mir wäre. Auch konnte ich seine Reifenspuren, neben 2 anderen Rad- und Fussspuren vor mir im Sand sehen.

Doch es sollte alles ganz anders kommen. Wie es der Zufall wollte kam mir als einziges Lebenszeichen, dass ich auf der Erde und nicht allein auf dem Mond unterwegs war, ein Jeep entgegen. Am Steuer sass Pieter, einen Belgier, den ich nach der kommenden Wegstrecke ausfragte und ob er zufällig 3 Radler gesehen hätte? Das war nicht der Fall. Aber wir verstanden uns auf Anhieb so gut, dass wir beschlossen am nächsten Tag zusammen zu reisen. Pieter bot mir freundlicherweise an, ein paar Sachen aus der Stadt, wo er übernachtete, mitzubringen und am nächsten Tag zurückzukommen und mich ein Stückchen mit dem Jeep mitzunehmen auf meiner gewünschte Reiseroute. Hatte er sich doch das Nationalreservat Las Vicuñas und den Salar de Surire heute schon angeschaut und mit einer anderen Reiseradlerin gesprochen, und wusste, welche Schufterei von Strecke mir noch bevorstand. Also nahm ich gern sein Angebot an.

Nachdem ich mit vor Kälte klammen Finger mein Zelt aufgebaut hatte und eine ziemlich kalte Nacht im Zelt verbrachte, hatte ich auch am Morgen Schwierigkeiten wieder warm zu werden, weil die Sonne hinter den Wolken blieb. Nach 15 km traf ich dann kurz vor unserem verabredeten Treffpunkt auf den mir entgegenkommenden Pieter und war mehr als froh in seinen Jeep einsteigen zu können und den von ihm mitgebrachten heißen Tee zu trinken, so dass dann nach weiteren 2 Stunden meine Füße endlich wiederbelebt waren.

Auch hielt sein Jeep noch soviele schöne weitere Überraschungen und Leckereien für mich bereit: Käsebrötchen, Obst und Gemüse, Schokolade. Auch von seinen Spekulatius blieb nichts übrig! Wir verbrachten einen wundervollen Tag zusammen, in dem ich mich mal ausnahmsweise nur auf die atemberaubend schöne umgebende Landschaft und das fotografieren, und vor allem auf die Vicuñas und Flamingos, konzentrieren konnte. Das geht sonst doch etwas schwieriger, wenn man seine volle Aufmerksamkeit auf die Strasse(nhindernisse) richten muss. So genossen wir zusammen die Landschaft, die gemeinsame Fotografieleidenschaft und die tollen Fotomotive, sowie einige sehr inspirierende Gesprächsthemen.

Und nachdem die Chemie so gut passte und Pieter noch einen Tag länger Zeit hatte, beschlossen wir auch den nächsten Tag zusammen zu fahren, da mein Ziel – Colchane an der chilenisch-bolivianischen Grenze – ebenfalls mehr oder weniger auf seiner Reiseroute lag, und ich angesichts der sandigen Pisten und steilen Anstiege nicht allzu erpicht aufs Fahrradfahren war, das kommt später noch genug. Abends kochte ich dann mit dem von Pieter mitgebrachten Alkohol für meinen Bierbüchsenkocher und ein paar Sachen in meinen Packtaschen unser Abendessen. Manchmal ist das Leben einfach nur gut. Das sind die Momente, die sich fest in meine Erinnerung eingraben und in denen es nicht viel braucht, um glücklich zu sein: nette Gesellschaft, einen schönen Platz zum campen. Wenn dieser Platz dann noch in atemberaubend schöner Landschaft, und neben einem der Schlafquartiere der Flamingos ist, umso besser. Zumal, wenn hier die Temperaturen, dank des den ganzen Tag mehr oder weniger bewölkten Himmels, so angenehm (fast warm) sind, dass wir bis halb 10 nachts draussen sitzen können, beim Kerzenschein und die Weite des Sternenhimmels geniessen können.

Als wir am nächsten Tag bei der Thermalquelle auf Nuno treffen, einem portugiesischen Reiseradler, laden wir kurzerhand auch sein Fahrrad auf, und fahren zu dritt weiter bis Colchane. Dort trennen sich dann unsere Wege, Pieter fährt weiter Richtung Atacamawüste, Nuno und ich überqueren zusammen die chilenisch-bolivianischen Grenze.

Ich glaube, weder Pieter, noch Nuno, noch ich gingen zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass Nuno und ich lange zusammenreisen würden. Aber zunächst startete es so wie mit allen anderen auch, man beschnuppert sich langsam, schaut, wie das Tempo des anderen ist, was der jeweils andere für Reisevorstellungen, -vorlieben und auch Eigenarten hat. Sprich, ob die Wellenlänge für ein längeres Zusammenreisen übereinstimmt. Zusammen mit der jeweils gewünschten Reiseroute. Wie sich herausstellen sollte, hatten Nuno und ich nicht nur fast identische Reisepläne, sondern auch Tempo und Lebenseinstellungen harmonierten sehr gut.

So überquerten wir zusammen den ersten von vielen noch folgenden Salaren, den Salar de Coipasa. Und wieder spielte uns der Zufall eine Chance zu, beim Weg zum Salar hielt ein Kleintransporter neben uns. Nach dem üblichen small talk und dem Angebot uns bis zum nächsten Ort mit dem Auto mitzunehmen (was wir ausschlugen), luden uns Santiago und seine Frau zu sich nach Hause ein. Wahrscheinlich hatte die Frau Mitleid mit mir und meiner voll beladenen Frida.

Kurz vor der Überquerung des Salars am nächsten Morgen trafen wir auf Rob, einen englischen Reiseradler und fuhren zu dritt die 40 km über den Salar de Coipasa. Die zweite Hälfte davon musste Rob, der bislang ohne schützende Sonnenbrille gefahren war, mehr oder weniger blind fahren, sein Gesicht mit einem Tuch bedeckt, um seine inzwischen schmerzenden und geröteten Augen vor weiteren Sonnenstrahlen zu schützen. Ich spielte Blindenhund und fuhr vor ihm, um dadurch die Umfahrung der Löcher im Salar zu erleichtern.

Nach dem Salar trennten sich unsere Wege wieder. Rob fuhr nach rechts, Nuno und ich fuhren nach links nach Luca weiter, wo ich nachts erneut eine Grundimmunisierung meines Magens durchstehen musste. Entsprechend geschwächt brauchte ich den ganzen nächsten Tag für nicht mal 30km nach Salinas … .

Und auch am folgenden Tag, an dem nur noch der Vulkan Tunupa zwischen uns und dem Salar de Uyuni stand, kämpfte ich innerlich mit mir. Was hab ich in diesen Tagen nicht alles geflucht und verflucht: die Sonne, den Wind, die „Strassen“, bzw. besser den Schotter und Sand, das Schieben, die Hitze, die Kälte, das viele Gewicht meiner Ausrüstung und meines Fahrrades, die steilen Berge, die Kombination von allem, das meine Beine nicht stärker sind, dass mein 1. Gang nicht so leicht geht… Zu allem dann noch meine Ungewissheit „Soll ich in Argentinien nun ein anderes Kettenblatt draufziehen lassen oder nicht?“ Denn während die anderen Reiseradler, mit denen ich bisher zusammen gefahren bin, am Berg alle immer noch ein, zwei oder drei Gänge runterschalten konnen, war bei mir Schluss. Das hiess dann immer, absteigen und schieben. Auf der anderen Seite „never chance a running system“… Letztlich verschob ich erstmal eine Entscheidung, weil ich hier im Hinterland Boliviens eh kein geeignetes neues Kettenblatt auftreiben könnte.

So erreichten wir am Nachmittag von Allerheiligen endlich den Salar de Uyuni. Und kämpften uns 2 Stunden für 10 km in den Salar de Uyuni hinein. Aber der Gegenwind war so stark, dass wir die Isla Incahuasi diesen Abend nicht mehr erreichen würden. Deshalb schlugen wir unser Nachtlager kurzerhand mitten auf dem Salar auf… was auch ein Abenteuer an sich ist, nur wir und das Universum.

Ein Gedanke zu “Hinter’m Mond rechts ab

  1. Liebe Anonia -wir freuen uns, daß du wieder einen ausführlichn und ganz wunderbaren Reisebericht geschrieben hast.
    Beim Anschauen der Bilder denkt man wahrlich nicht, daß das noch zu unserer Erde gehört!! Es sieht sehr unwirklich, utopisch und surrealistisch aus. Doch es sind ganz,ganz tolle Fotos !!!!!
    Es ist auch so gut zu wissen, daß es immer wieder gute Menschen gibt, die dir auf deiner Abetuertour helfen.
    Alles Liebe und Gute für Dich und Frida!!! Pass schön auf Dich auf 🙂 k&K DM + DM

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