Tanzend durch die Wüste

20161120_160948-1280x960

Es ist fast 3 Uhr morgens als ich endlich ins Bett falle. In 2.5 Stunden muss ich wieder aufstehen. Dann geht’s weiter. Durch die Atacama-Wüste. Danach wieder über die Anden nach Argentinien. Kurz vor dem Einschlafen gehen mir noch die diversen Fragen durch den Kopf:

Wie ist das eigentlich mit dem Fahrrad durch die trockenste Wüste der Erde zu fahren? Diese Frage hatte ich mir schon zu Hause gestellt und mich deshalb dazu entschlossen, eben nicht längs durch die Atacama-Wüste zu fahren. Sondern eben lieber durch die danebenliegenden Berge. Diese sind zwar auch nicht gerade wasserreich, aber immerhin gibt es alle 100 km (etwa) eine kleine Ansiedlung oder ein paar Häuser, wo man den Wasservorrat aufstocken könnte.

 

Auch hatte mich ja nun die Lagunenroute belehrt, nicht zu leichtsinnig mit zu knappen Wasservorrat loszufahren. Vor noch einer guten Woche hatte ich mir innerlich geschworen nie wieder mit dem Fahrrad durch eine Wüste zu fahren. Und überhaupt, wieso konnte ich mir nicht einfach für diesen Teilabschnitt eine Mitfahrgelegenheit in einem Pick-up suchen? Oder fuhren hier Busse? Ich glaube nicht. Die geplante Strecke ist eher wenig von Autofahrern befahren. Mein Radreiseführer spricht sogar davon, dass „diese Verkehrsverbindung […] in der Bedeutungslosigkeit [verschwindet]“. Und auch zum anvisierten Pass steht lediglich ein kurzer Satz: „Wenn schon der Paso Jama recht schwer ist, dann ist der Paso Sico heute eher etwas für Abenteurer!“

 

Atacama-Wüste

 

Mit einer Stunde Verspätung fahren wir 7.30 Uhr aus San Pedro de Atacama raus. Kurz zuvor hatten Marika, Nuno und ich noch ein letztes Mal zusammen gefrühstückt. Uns allen dreien fiel der Abschied sehr schwer. Nuno und ich werden von hier aus Richtung Süden weiterfahren. Marika fährt allein Richtung Westen. Noch sind die Temperaturen recht angenehm. Auch der noch vorhandene Aspalt lässt die Reifen gut rollen, so dass wir gut und schnell vorankommen. Viel reden tun wir nicht. Jeder fährt in seinem Tempo und in seinen Gedanken versunken.

 

Trotzdem fallen uns immer wieder trotz der vordergründigen Leblosigkeit der Landschaft Zeichen von Leben ins Auge. Auch nimmt die Hitze immer mehr zu. Trotz eines angenehmen Windes merken wir deutlich die Kraft der Sonne.

 

So suchen wir uns kurz nach 1 Uhr den einzigen schattigen Platz der letzten 60 km, eine Brücke. Unter der Brücke machen wir Mittagspause und legen uns hin für eine Siesta.

 

 

Danach geht es weiter auf der vor Hitze flimmernden Strasse.

 

Um den Kopf zu beschäftigen bzw. von der Eintönigkeit der Landschaft und dem Fehlen von Marika abzulenken, hört jeder Musik. Auch gibt die Musik nochmal einen neuen Rhythmus fürs pedalieren vor. Nuno hört dabei eine ganz andere Musik als ich.

 

Beide aber macht uns die Sonne, der Rhythmus oder die zurückkehrende Lebensfreude des wieder mit-dem-Fahrrad-auf-der-Strasse-unterwegs-Seins wieder so glücklich, dass wir beide beginnen zu tanzen. Zuerst nur mit unseren Fahrrädern. Bei Pausen dann aber auch auf der Strasse. Kommt eh kaum Verkehr, auf den wir achten müssten.

 

Meine dabei empfundenen Gefühle sind schwer zu beschreiben: ein Mix aus totalem Glücklichsein und innerer Zufriedenheit, absoluter Freiheit und Ungebundenheit, einer gewissen Zeit- und Grenzenlosigkeit und tiefer Dankbarkeit. Und ja auch ein bisschen Sehnsucht nach neuen Abenteuern.

 

 

Dieses Gefühl hält auch die nächsten Tage an, obwohl wir uns wieder immer weiter dem Himmel annähern. So schlafen wir die erste Nacht in der Atacama-Wüste auf 2800 m ohne Zelt draußen, direkt unter dem Sternenhimmel. Beim schlafengehen sind es immer noch angenehme 12 Grad. Die Temperaturen fallen in dieser Nacht bis auf 2 Grad, bevor die Sonne wieder aufgeht.

 

In der zweiten Biwaknacht am Rand der Atacama-Wüste auf 3800 m fällt die Temperatur bis zum frühen morgen auf -5°C. Hier merkt man deutlich, wie sich die Höhe auf die Temperaturen auswirkt. Immerhin werden es auch tagsüber jetzt angenehmere Temperaturen, eher um die 20 als um die 35-38 Grad Celsius.

Paso de Sico

 

Wie sind etwa eine Stunde auf der Hochebene gefahren, als neben uns ein roter Pick-up hält. Drin sitzt eine französische Familie. Baptiste hat für ein Jahr seinen Job zu Hause eingetauscht gegen eine Stelle in Chile. Sie schauen sich an den Wochenenden oder bei kurzen Mehrtagestouren das Land an. Immer interessiert an den Menschen, die sie dabei unterwegs treffen. So bieten sie auch Nuno und mir kurzerhand eine Mitfahrgelegenheit an. Nach kurzem umräumen ihres Gepäcks, passen unsere Räder mitsamt allen Packtaschen auf die Ladefläche. Kurz alles befestigen und verzurren. Fertig. Los geht’s. Nuno steigt auf den Beifahrersitz, während die zwei kleinen Töchter, Karen und ich es uns auf der Rückbank einigermassen bequem machen.

 

Mit ihnen gemeinsam haben wir so die Gelegenheit auch ein paar kurze Wanderungen in der Gegend zu machen. Uns die Piedras rojas, die roten Steine, und die Lagunen in aller Ruhe anzuschauen. Und auch mit den beiden Kindern ein bisschen zu spielen. Tröpfchenburgen aus Sand zu bauen. Und ich habe ein wenig Gelegenheit mein Französisch aus den Tiefen meines Gehirn wieder hervorzukramen und ein wenig zu entstauben. Dennoch fällt es mir leichter mich mit der größeren Tochter, die immerhin in eine spanische Grundschule geht, auf Spanisch zu unterhalten. Vom sprachlichen Niveau sind wir etwa auf einem Level.

 

 

 

Bei einem Aussichtspunkt können wir den gesamten Salar de Talar überblicken. Laut Karte gibt es hier einen Weg drum herum. Baptiste fragt uns kurz, ob wir im Zeitstress sind oder ob wir Zeit und Lust hätten mit Ihnen, im Jeep, um den Salar drum zu fahren? Soll das ein Witz sein? Wir im Zeitdruck? Absolut nicht! Und ob wir Zeit hätten? Natürlich! Hätten wir sonst für diese Strecke, die wir bisher mit dem Jeep gefahren sind mehrere Stunden gebraucht. Wir sparen also noch Zeit. Verbringen zudem eine tolle Zeit mit ihnen und sehen sogar noch mehr von der Gegend als vom Fahrrad. Also war das abgemacht.

 

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen sollten, dass dieser kleine Abstecher zu einem einzigartigen Erlebnis in unserer aller Reise werden würde. Wir fuhren also los. Über eine mehr als unscheinbare „Straße“, was mit dem Fahrrad die reinste Tortur gewesen wäre. Und auch mit dem Jeep nicht ohne war. Der Rundweg lag laut Karte direkt am Salar. So ging die Straße, auf der wir fuhren, steil bergab. Und das in einer Schräglage, die mich schon beim bergabfahren arg ins grübeln brachte. Rutschten wir doch eher seitlich den Berg hinab als das wir fuhren.

 

Unten am Salar angekommen stellten wir fest, dass es hier zwar einen Weg gab, dieser aber auf der einen Seite mit großen Steinen blockiert war. Auf der anderen Seite war er so schmal, dass auch hier kein Vorwärtskommen möglich war. Zumal der Salar an dieser Stelle sumpfigen Charakter hatte. Teils mit Gras bewachsen, teils stehende, wenn auch nicht tiefe Wasserflächen. Dennoch nicht passierbar mit einem Jeep. Unser Bewegungsraum zum manövrieren des Jeeps? Eine Strecke von etwa 400 Metern.

 

Nach abwägen der möglichen Optionen entschieden wir den Rückweg auf der Strasse, auf der wir gekommen waren, zu nehmen. Steiler Anstieg. Tiefer Sand. Steiler Einschlagswinkel. Also Kinder und alle anderen Personen außer dem Fahrer raus aus dem Wagen. Zurücksetzen soweit möglich, um Schwung zu holen.

 

Erster Versuch. Der Motor heult sofort auf als er den sandigen Anstieg erreicht und sich ganz mühsam weiter nach oben kämpft. Oder eher pflügt. Kurz vor dem Gipfel drehen die Räder durch. Keine Chance. Also zurückrollen.

 

Versuch 2. Wieder Schwung holen. Etwas andere Route wählen, weil die erste Route komplett versandet ist. Der Jeep kommt nur bis zum Viertel der Anhöhe. Erneut drehen die Räder durch. Diesmal so stark, dass wir alle in einer dicken Staubwolke stehen.

 

Versuch 3. Ganz andere Strecke. Gar keine Chance.

 

Also wieder zurück zu den vorigen Bergflankenabschnitt. Immer wieder heult der Motor auf. Das Hinterteil vollzieht eine 90 Graddrehung und wirbelt alles an Staub und Sand auf, was da so lag. Absolut keine Sicht mehr möglich. Alle Versuche werden begleitet von einem zischenden Quietschen (der Achse ?). Auch mache ich mir Sorgen um die beiden Räder auf der Ladefläche. Notfalls müssen wir halt die Räder dann irgendwo auflesen. Hauptsache der Jeep kommt erstmal hoch. Wieder auf die Strasse.

 

Kein anderes Auto ist zu sehen. Keine anderen Menschen sind hier, die helfen könnten. Langsam drängen sich leichte Sorgen und Bedenken ins Bewusstsein. Zwar hätten Nuno und ich beide Zelte und Campingkocher, so dass wir auch zusätzliche 4 Personen unterbringen und versorgen könnten. Aber mit Luftmatratzen oder Schlafsäcken können wir hier natürlich nicht dienen. Absolut keine Option für zwei kleine Kinder von 5 und 7 Jahren in einer Höhe von fast 4500 Metern (und leichtem Nachtfrost).

 

15 Minuten probieren wir jetzt schon. Es folgten noch einige mehr erfolglose Versuche. Wir kapitulieren. Alleine schaffen wir das nicht. Nuno und Baptiste machen sich zu Fuß auf den Weg zu dem Platz an dem Salar, der wenn von Touristen angefahren wird.

 

Sie sind etwa auf der Hälfte der Strecke, als wir sehen, dass ein Touristentransporter zur Rast anhält. Baptiste sprintet kurzerhand los. Was für eine Wahnsinnsleistung! Auf einer Höhe von 4500 Metern (wo die Luft sowieso schon dünn ist), auch noch eine Anhöhe rauf und runter zu sprinten, durch tiefen Sand!!!

 

Der Bus ist gerade kurz vorm Abfahren als wir sehen, dass er ihn noch erreicht und dort die Männer um Hilfe bittet. In dieser Gegend helfen sich die Menschen. Egal, ob es gerade in den eigenen Zeitplan passt oder nicht. Dazu ist die Gegend einfach zu abgeschieden und einsam. Die Bedingungen können sehr schnell in einen kritischen Bereich umschlagen. Schon deshalb hilft jeder sofort, wenn er um Hilfe gebeten wird.

 

So kommen jetzt 12 Männer zusätzlich auf uns zu, um unseren Jeep irgendwie aus dieser Sackgasse zu befreien. Der Fahrer des Touribusses kennt die Gegend gut und weiss auch wie man mit dem Jeep die sandigen Bergflanken hochbekommt. Also steigt er kurzerhand in den Pick-up, umrundet geschickt einige steinige Passagen des Weges und fährt dann mit genau dosierter Kraft und Geschwindigkeit einen Hügel rauf. Diese Strecke hatten wir aufgrund des durch die Steine versperrten Zugangs gar nicht erst probiert. Kurz verschwindet der Jeep hinter dem Hügel und taucht auf der anderen Seite wieder am Rand des Salars auf. Auf festen, sicheren Boden. Geschafft!

 

 

Wir laufen also alle zusammen zu der Stelle, wo der Fahrer mit dem Jeep steht. Allen werden von uns Dankesbekundigungen ausgesprochen für Ihre Hilfsbereitschaft.

 

Der Fahrer steigt in den Transporter, um diesen zu wenden und auf die Straße zurückzufahren. Er stößt zurück auf den Salar. Nicht weit. Aber doch weit genug, dass die Reifen des Transporters keinen Grip mehr haben. Das ist doch jetzt wohl ein Scherz!?! Daneben sieht man noch das gröbere Profil von einem Jeep, der weiter  in den Salar reingefahren ist und keine Probleme hatte.

 

Aber das Profil des Transporters ist nicht ganz so grobstollig. Die Hinterreifen finden auf dem feuchten Salz keinen Halt und drehen durch.

 

 

Also alle wieder aussteigen und schieben. Erster Versuch, es helfen nur ein paar mit zu schieben. Die Reifen drehen immer noch durch. Es werden Steine vom Rand geholt und vor bzw. unter die Reifen geschoben. Zweiter Versuch. Es fassen nun doch viele Leute an und versuchen den Transporter aus dem Loch zu schieben. Soviele, wie halt hinter so einen Transporter passen. Nichts. Es geht ein bisschen vorwärts, dann wieder rückwärts. Hin- und Herschaukeln. Versuchen Schwung zu holen. Nichts. Die Reifen werfen immer mehr Salz auf beim Durchdrehen und versinken immer weiter.

 

Also nächster Versuch: Steine korrigieren. Fahrer wechseln. Es schieben jetzt alle Männer, die da sind. Treten sich gegenseitig fast auf die Füße. Jeder gibt sein bestes. Aber es bringt nichts. Tiefer und tiefer graben sich die Hinterreifen in den Untergrund.

 

Also wieder den ersten Fahrer ranlassen, Seitentür auf, auch hier noch versuchen mit zu schieben oder zu ziehen. Einige stellen sich an die Radkästen und versuchen durch hochheben die Schwerkraft zu minimieren. Immer wieder rutschen auch die Helfer auf dem Boden aus, weil ihre Schuhe nicht genügend Halt finden. Also neue Strategie überlegen. Nochmal tiefer graben mit blossen Händen, um die Steine besser zu positionieren. Neues Probieren. Hin- und Herschaukeln. Aber alles bringt nichts. Der Transporter hat sich nun bis fast zur Hälfte der Reifen in den salzigen Untergrund gefressen. Auch sitzt jetzt fast der hintere Teil der Karosserie auf dem Salar auf. Langsam gehen uns die Ideen aus.

 

Doch plötzlich winkt die Glücksfee mal wieder mit ihrem Zauberstab. Weiter hinten sehen wir einen neuen Touristenbus ankommen. Baptiste springt in seinen Jeep und düst davon. Und kommt kurze Zeit später mit dem benötigten Abschleppseil zurück. Diese Option konnten wir vorher mangels eines Seils nicht nutzen.

 

Also wird das eine Ende des Seils vorne am Transporter angebunden, das andere am Pick-up. Alleman fertig? Die schiebenden Helfer stehen bereit. Baptiste setzt zurück. Der Transporter gibt Gas. Das Seil spannt sich. Aber der Transporter bewegt sich nicht. Das Seil reisst!!

 

Also gut. Nochmal. Neuer Versuch. Viele haben wir wahrscheinlich nicht mehr ürig! Der Jeep fährt näher an den Transporter. Das Seil wird doppelt genommen und wieder festgebunden. Los geht’s. Alle geben nochmal alles. Nicht nur die Helfer, als auch die beiden Motoren der Autos heulen ob des Kraftaufwandes auf. Aber der Transporter bewegt sich endlich ganz langsam vorwärts. Und ist mit einem Sprung im Freien. Jubel!! Noch kurzes Händeschütteln, dann steigen wir alle ein. Jeder will schnell auf sichereren und festeren Untergrund kommen!

 

Nach all dem überstandenen Abenteuer und den Kraftanstrengungen, wird jetzt erstmal ein spätes Mittagessen auf dem Salar sitzend verzehrt. Setzt doch bei uns allen nun der Hunger ein.

 

Danach bringen uns Baptiste und seine Familie noch ein kleines Stück weiter bis zum höchsten Pass des Streckenabschnitts auf 4650 Meter. So haben sie uns nicht nur etwa 80 km Strecke erspart, sondern auch einen (im Pick-up natürlich eher lachhaften) Anstieg erspart. Oben angekommen laden Nuno und ich unsere Räder und das Gepäck ab. Schweren Herzens nehmen wir Abschied voneinander. Es ist schon merkwürdig, dass man innerhalb weniger Stunden solche starken Bande knüpfen und solch eine Zuneigung empfinden kann. Vielleicht verstärken sie sich aber auch in ihrer Intensität durch die überstandenen Erlebnisse und Hindernisse.

 

Kurze Zeit drauf passieren wir die letzte chilenische Polizeistation. Wir lassen unsere Wasservorräte auffüllen. Danach geht es nochmal knapp 40 km über den geschotterten Weg. Durch lila- und graufarbene Mondlandschaften. Dennoch lässt es sich hier ganz gut rollen, so dass wir ohne es zu merken über 73 km/h mit unseren vollbepackten Rädern über die Piste fliegen.

 

Einsame Weite. Monotone, graue Landschaft. Nur das braun-gelbe Punagras wächst hier. Mitten im Nirgendwo passieren wir die Grenze zu Argentinien, und damit auch den Paso de Sico. Doch außer dem Schild über der Strasse gibt es hier nichts. Keine Menschen. Keine Tiere. Kein Wasser. Kein Gar-nichts. Aber eine Veränderung gibt es doch. Die Strasse wird ekelhaft. Grobe Steine auf schottrig-sandigem Ripio-Untergrund. Achso ja, und natürlich auch unser über alles geliebtes Wellblech ist wieder da. Das versaut uns doch richtig unseren bis dahin sehr guten Schnitt. Naja, weit kann es bis zur chilenisch-argentinischen Grenzstation nicht mehr sein.

 

Eine knappe Stunde später erreiche ich diese auch. Ich komme kurze Zeit nach Nuno an, der schon voraus gefahren war. Ich hatte noch Fotos gemacht. Und werde beim zufahren auf die grün-ziegelrote Grenzstation schon mit großem Hallo und namentlich von den Zollbeamten begrüßt. Na so was? Woher wissen die denn meinen Namen? Leicht perplex, krame ich meinen Reisepass aus dem Gepäck hervor. Noch schnell den formellen Teil erledigen. Chilenischer Ausreisestempel. Doch noch während ich meinen argentischen Einreisestempel abhole und die Zollabfertigung erledige, fängt der lustige Teil an. Wo gibt es denn sowas? Soviel Lachen und unanzügliche Flirterei von Grenzbeamten habe ich nicht erwartet. Aber wahrscheinlich freuten sich alle an diesem einsamen Aussenposten endlich mal wieder ein paar Touristen zu sehen.

 

Nuno und ich fragen an, ob wir hier irgendwo schlafen könnten. Wir hatten gehofft, dass wir unser Zelt irgendwo im Windschatten der Häuser aufbauen könnten. Was waren wir erstaunt, als uns ein argentinischer Grenzbeamter zu einem separaten Häuschen führt. Aufschliesst und uns unser Luxusappartement zeigt. Hier gibt es 2 große Schlafräume mit vielleicht 25 Doppelstockbetten. Dazu eine Küche und ein Badezimmer mit heissem Wasser, das wir nutzen könnten. Da die Grenzsstation zwischen 20 Uhr und 6 Uhr geschlossen ist, gibt es für die Reisenden eben diese Übernachtungsmöglichkeit.

 

Wahnsinn! Was sind wir nur für Glückskinder! Glücklich breiten wir unsere Schlafsachen aus und nehmen nach 3 Tagen Wildnis endlich mal wieder eine Dusche. Wissen wir nicht nur den Luxus von heißem Wasser in dieser Gegend der Welt zu schätzen, besonders nach Bolivien und dem danach schon recht teuren San Pedro de Atacama. Dass das alles nichts kosten soll, ist fast zu schön um wahr zu sein. Aber es sollte alles noch besser kommen.

 

Schon auf dem Weg von der Zollabfertigung zur Schlafunterkunft hatte mir ein argentinischer Zollbeamter aus der Tür eines Seitentraktes zugerufen, dass ich doch später nochmal vorbeikommen soll. Und mich genau hier an der Tür melden solle. Ich wäre zum Abendessen eingeladen. Sie hätten auch Alkohol!! Nuno erwähnte er nicht. Hhmmm… Noch während Nuno und ich uns für die Nacht einrichten, wägen wir die Alternativen ab. Sollte ich die Einladung ablehnen? Aber irgendwie kam mir das auch blöd vor, schließlich waren die Grenzbeamten bisher freundlich zu mir gewesen. Also annehmen? Und Nuno allein zurücklassen? Naja, darum machte ich mir keine so großen Sorgen. Aber irgendwie war es mir doch unheimlich, da allein aufzukreuzen. Nach dem Duschen entschieden wir, dass wir zusammen mal vorbeischauen wollten. Ich nahm Nuno einfach als meinen Dolmetscher mit. Also abgemacht!

 

Was soll ich sagen. Wir haben uns ganz umsonst den Kopf zerbrochen. Wir wurden sofort beide sehr freundlich begrüßt. Total entspannte und unkomplizierte Atmosphäre. Wir tranken erstmal ein Wasser und unterhielten uns ein bisschen. Dabei konnten wir auch Carlitos besser kennenlernen. Er war auch derjenige gewesen, der mich namentlich begrüßt hatte und von dem die ganze Einladung auszugehen schien.

 

Kurze Zeit später kam auch einer der beiden Immigrationsbeamten und fing an zu kochen. Wir wechselten zu Bier über. Zum Abendessen gab es die argentinische Form des Schnitzels. Nuno und mir wurden eine große zweite Portion aufgetan. Und Carlos gab mir sogar noch seinen Nachtisch, so dass ich auch hier zwei Portionen geniessen konnte. Schliesslich sind wir nicht die ersten Fahrradfahrer die an dieser von der Welt so abgelegenen Grenzstation auftauchen. Auch wissen sie wie ausgehungert Radfahrer immer sind. Aber wahrscheinlich werden nicht alle Radfahrer so freundlich zum gemeinsamen Essen eingeladen.

 

Danach wurde die Atmosphäre mit den beiden Zoll- und den beiden Immigrationsbeamten immer ausgelassener. Wir tranken inzwischen Mojito und stärkeren Alkohol und erzählten und sangen bis in die frühen Morgenstunden, bevor Nuno und ich uns verabschiedeten und mehr als leicht angetüdelt ins Bett fielen. Was für ein aufregender Tag! Was ein toller Empfang in Argentinien! Das steigert doch nochmal meine Vorfreude auf dieses Land!

 

In den nächsten 2 Tagen fahren wir die 130 km bis zu dem kleinen Städtchen San Antonio de los Cobres. Erneut durch endlose Monotonie mit vereinzelten Salaren oder Lagunas. Keine 3 Autos begegnen uns am Tag. In der Ferne können wir allerdings ein paar mal Minenfahrzeuge oder vereinzelt Laster sehen. Der Weg: erstklassiger ripio mit feinsten calaminas. Sprich, über 40 km nur auf Wellblech über die sandige Schotterpiste hoppeln. Dann rollt es mal ein wenig besser, nur um kurze Zeit später wieder in Wellblechpisten überzugehen. Dazu noch Gegenwind.

 

Erst nach dem 4560 Meter hohen Alto Chorrillo (kurzer Freudentanz) wird die Landschaft wieder spektakulär. Von oben sehen wir weit ins Land und in das vor uns liegende Tal hinein.

 

 

Abra de Acay

 

Am späten Vormittag können wir endlich von San Antonio de los Cobres aufbrechen. Hatte uns doch das Suchen eines Automechanikers, der einen Torx-40-Schlüssel besaß und zudem noch am Montagmorgen bereit war uns zu helfen, einige Zeit gekostet. So wurden wir endlich beim 4. Mechaniker fündig. Ich lieh mir lieber nur den Schlüssel aus und spannte meine Fahrradkette selbst nach. Diese war schon seit mehreren Wochen geweitet und es wurde nicht besser. Auch war sie mir am Vortag bei einem kräftigen Tritt in die Pedale vom Kettenblatt gesprungen. Hier haben das ständige Gerüttel durch Wellblech und Schotter sicherlich auch ihr übriges dazu getan. Zum Glück war ich gerade auf halbwegs flachen Pisten ohne Verkehr unterwegs, so dass mir nichts passiert ist. Allerdings war ich nicht bereit das Risiko eines erneuten Pedalantritt ins Leere im nächsten Streckenabschnitt zu riskieren. Schliesslich wollten wir nun auf die legendäre Ruta 40 einbiegen und den immerhin höchsten Pass Argentiniens mit fast 5000 m ü. NN erfahren.

 

Nach kurzem Stopp in zwei verschiedenen Supermärkten haben wir die uns fehlenden Lebensmittel erstanden und machen uns auf den Weg. Die extrem schlechte Piste mit tiefem Sand (und Wellblech), Strassenbauarbeiten und viel LKW-Verkehr (der uns immer wieder zum Anhalten am Strassenrand zwingt), sowie später starker Gegenwind erschweren uns das Vorwärtskommen. So beschliessen wir am späten Nachmittag am Fuße des Passes den 18km langen Anstieg heute nachmittag nicht mehr anzugehen, sondern hier auf einer Schafweidefläche zu campieren. Vielleicht verschwinden die dunklen Wolken über Nacht, hatten uns doch unterwegs entgegenkommende Autofahrer vom Schneefall und kalten, starken Winden auf dem Gipfel berichtet.

 

 

Der nächste Tag wurde der perfekte Radeltag! Zwar waren wir erst spät gestartet, weil die Zelte zu lange vereist waren. So hatten sie über die Nacht zwar im Windschatten, für die Sonne am Morgen allerdings zu lange im Bergschatten gestanden. Dadurch kommen wir erst gegen 10.30 Uhr los. Auch haben wir morgens 2 deutsche Motorradfahrer getroffen und uns mit Ihnen unterhalten. Es ist immer wieder ein Hochgenuss, was man unterwegs für tolle Menschen kennenlernt. Uwe, der road captain, und Stephan, der Mechaniker. Beiden fehlte allerdings der 3. Mitfahrer, der die Rolle des Kochs übernimmt. So gibt es bei ihnen, wie meistens auch bei uns Fahrradfahrern, nur Kekse, Tütensuppe und Powerriegel. 2 dieser Powerbars haben sie uns als Unterstützung für das Erklimmen des höchsten Passes Argentiniens gesponsert, was wir gern angenommen haben.

 

Danach ging’s los. Ich hatte einen superstarken Tag. Die Bedingungen waren sehr gut. Viel besser als am vorigen Tag. Heute war es wolkenlos, nur mäßiger Wind, angenehme 16 °C, perfekt zum radfahren. Auch der Weg war wesentlich besser, super angenehm zu fahren im Vergleich zu vielen anderen nervigen bisher gefahrenen Pässen oder die klebrige Zubringerstrasse. Oder meine Beine werden langsam richtig stark.  So konnte ich bis auf ein paar wenige Passagen in den Serpentinen mit tiefen Sand oder Schotter den gesamten Berg hochfahren.

 

Viele, viele Serpentinen schrubben sich den Berg hoch, so dass man eher das Gefühl eines alpinen Cols, denn eines Andenpass hat. Hinter jeder Biegung tat sich ein anderes Bild auf, die Fernsicht nimmt zu, da wir uns immer weiter den Berg hinaufkurbeln. Phantastisch.

 

Gegen Mittag machen wir eine Essenspause und werden kurz darauf von Silvio mit Apfelsaft versorgt. Er ist selbst früher Rad gefahren, kann das nun mit seinen 70 Jahren aber nicht mehr so ausleben. Zum Schluss lädt er uns noch zu sich nach Buenos Aires ein, ihn doch dort zu besuchen, oder seine Familie. Mal sehen, was sich in der Zukunft ergibt…

 

 

Nach 3.5 Stunden sind wir am Gipfel. Der Wind hatte zum Schluss immer mehr zugenommen und wehte, je nach Serpentine, entweder direkt von vorn oder unterstützend von hinten.

 

Teilweise hat der Aufstieg und das langsame vorwärtskommen etwas Meditatives. Ich konzentriere mich größtenteils auf die 2 bis 3 Meter Strasse vor meinem Vorderrad und ansonsten auf meinen Atem. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Man merkt schon deutlich, dass die Luft hier oben merklich dünner ist.

 

Das ist einer der wenigen Pässe, die ich vor Nuno ankomme. Geschafft! Erstmal dick anziehen bei dem eisigen Wind. Erstmal das obligatorische Gipfelfoto. Danach ein kurzes Gespräch mit 2 dänischen Touristen, die in ihrem Auto zeitgleich mit uns am Gipfel ankommen. Die beiden konnten gar nicht glauben, dass man die fast 5000 Meter auch mit einem Fahrrad erfahren kann. Die tatsächliche Gipfelhöhe ist umstritten. Auf dem Schild und in einigen Landkarten steht 4895 Meter. Mein Gps-Gerät zeigt 4963 m ü. NN. an.

 

Endlich machen wir Mittag. Immerhin ist es jetzt schon 16 Uhr. Geteilt haben wir unser Essen dann mit dem am Gipfel ansässigen Andenfuchs, der sich sicherlich überwiegend von den Essensresten und Leckerbissen der Touristen ernährt. Nachdem er zunächst von uns nichts bekommen hat, versuchte er sich an meinem Vorderrad, was mir nun natürlich ganz und gar nicht gefiehl. Nach kurzem Ausrufen, bekam er dann immerhin unsere Salamipelle und ein paar Brotkrumen. Trotz seiner permanenten Schreckhaftigkeit und Aufmerksamkeit, kam er doch bis auf einen Meter an uns heran und wir mussten ihn immer wieder wegschicken. Als wild konnte man ihn jedenfalls nicht mehr bezeichnen.

 

 

Gegen 16.45 Uhr ging’s an die Abfahrt. Nun geht es dem Frühling entgegen, ist es doch vorerst mein letzter großer und vor allem hoher Andenpass. Auch das Altiplano verlasse ich nun endgültig. Und wenn die Landschaft auch phantastisch ist, freue ich mich dennoch wieder auf grün, Bäume und Blumen.

 

Für die Abfahrt fehlen mir dann jedoch die Worte. Diese Farben und die Landschaft zu beschreiben ist einfach nicht möglich. Außergewöhnlich, megageil, beeindruckend und einfach unbeschreiblich. Einen kleinen Eindruck bekommt ihr vielleicht durch die Fotos, wenn diese natürlich auch leider bei weitem nicht die Weite der Landschaft und die gesamte Erhabenheit wiedergeben können.

 

So wurde auch mindestens an jeder Kurve gestoppt, um ein Foto zu machen in dem Versuch diesen Tag und die magische Landschaft irgendwie festhalten zu können. Immer wieder muss ich daran denken, was für ein Glückskind ich bin, das hier erleben zu dürfen. Immerhin war die Reise lange Zeit nur ein Traum. Und diese tollen Landschaften und Farben habe ich nicht erwartet. Überhaupt hatte ich vorher gar keine Vorstellungen von diesem Pass und der umgebenden Bergwelt. Vielleicht hat es das Erlebnis deshalb umso schöner gemacht, weil ich nicht vorher schon durch Internet und Co. mit Bildern im Kopf „vorgetriggert“ war. Lediglich auf die Empfehlung eines anderen Reiseradlers, der mir diesen Pass als den geilsten in ganz Südamerika empfohlen hat, sind wir hier langgefahren. Danke Fritz!

 

 

Gegen Ende des Tals müssen wir immer öfter dem oben am Berg noch winzigen Bach, der sich weiter unten immer mehr zu einem Gebirgsbach entwickelt, überqueren. Konnten wir anfangs noch locker durchfahren, müssen wir später immer vorsichtiger durchschieben, weil nicht nur die Strömung zunimmt, sondern die Bäche und Furten selber immer tiefer werden. Bei einigen können wir zunächst noch die Steine zur Hilfe nehmen, bis auch das nichts mehr nützt und wir unsere Schuhe ausziehen und so durchwaten.

 

Kurz vor der Dunkelheit kommen wir aus dem engen Tal heraus. Dort wäre kein zelten möglich gewesen bzw. würde das Zelt bis zum Mittag im Schatten stehen. Wir erreichen ein kleines Dorf, das eigentlich nur aus der Ansammlung von 3- 4 Häusern besteht. Wieder einmal bekommen wir einen Platz in einem Schulgebäude. How lucky are we? Fließend Wasser, windgeschützt, zumindest größtenteils, weil 2 zerbrochene Fensterscheiben durch lose im Wind flatternde Plastikfolien ersetzt wurden.

 

Die Kinder freuen sich riesig und begutachten neugierig unsere Räder. Es wird noch eine halbe Stunde in unserem Raum rumgetollt, bevor sie zum Abendessen gerufen werden und wir nun auch endlich selbst zum kochen kommen. Ich verwerte meine Reste: Reis (den ich noch in Arequipa gekauft habe! Einfach verrückt!), meine restliche Paprika aus San Antonio de los Cobres und einen meiner Brühwürfel und koche eine Suppe. Danach ab in den Schlafsack.

 

 

Ruta 40

Die restlichen 300 km entlang des Calchaquies-Tals bis nach Cafayate fühlten sich dann auch eher wie ein Sonntagsausflug an. Selbst die Hügel, Wellblechpiste und Sandpassagen, als auch Temperaturen von über 43 °C und teils starke heiße Gegenwinde konnten unseren Drang nun endlich Richtung Süden vorwärts, und damit dem Ziel Patagonien näher zu kommen, nicht mehr bremsen. Nur das ein oder andere Weinlokal hat unsere Abende etwas länger werden lassen als gewöhnlich. Aber irgendwie muss man ja den Frühling, die Wärme und auch die einheimische Wirtschaft unterstützen, kaufen wir schon kaum etwas Materielles ein, und versuchen möglichst wild zu zelten, weil es einfach das Naturerlebnis steigert.

Auf dem Weg passieren wir bereits erste Weinanbaufelder bei Cachi. Danach geht es weiter entlang des Flusses in eine Schlucht mit verrückten Felsformationen und schräg aufragenden Felszacken, die Quebrada de las Flechas.

 

In San Carlos treffen wir vor dem Supermarkt auf Francis, die dort gerade mit ihrem Quad einkauft. Sie lädt uns kurzerhand zu sich nach Hause ein. Bis spät in die Nacht sitzen wir mit ihr und ihrem Sohn Manu zusammen und genießen die selbst hergestellten geräucherten Spezialitäten der schweizerischen Auswanderer.

 

Nach locker abgespulten 26 km erreichen wir am nächsten Tag Cafayate. Hier geniessen Nuno und ich nochmal einen Pausentag. Trinken Wein, essen Eis und gutes Essen. Besonders die leckeren Alfajores und Torten haben es mir angetan. Wir bummeln durch das kleine touristische Städtchen mit seinem südeuropäischen Flair. Hier trennen sich nun die Wege von Nuno und mir. Er fährt weiter entlang der Ruta 40 nach Ushuaia, von wo er Anfang März seinen Rückflug nach Europa antreten wird.

 

Ich werde die nächsten 2000 km mit dem Bus überbrücken, da ich gern in 2 Monaten (Ende Januar) in Ushuaia ankommen möchte. Auch haben mir zwei befreundete Reiseradler empfohlen, diesen Streckenabschnitt auszulassen bzw. zu überspringen. Ich würde nicht viel verpassen. Viel Wüste, Steppe und öde, flache Landschaften. Wenn ich schon diese ehrlichen und gut gemeinten Ratschläge bekomme, werde ich auch auf sie hören. Für den übernächsten Tag buche ich also ein Busticket nach Mendoza über Salta.

 

P.S.: Wer hat das versteckte Nilpferd gefunden? 😉

Ein Gedanke zu “Tanzend durch die Wüste

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s