Die Seeregion von Argentinien und Chile

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Das ist ja hier fast wie da’hoam. Oder zumindest wie in der Schweiz. Glasklare, saubere Seen. Begrünte Bergtäler, umgeben mit teils schneebedeckten Vulkanen oder Bergen. Gut geteerte Strassen, oft sogar mit separaten Fahrradweg oder aber zumindest mit extra Seitenstreifen. Kühe mit um den Hals gehängten Kuhglocken. Schokolade. Gepflegte, saubere Vorgärten mit Rosen. Aus den Schornsteinen der Holzhäuschen steigen Rauchfahnen empor. Kommt da Sehnsucht auf? Oder gar Heimweh? Nee, nicht wirklich. Dennoch fühlt es sich wie ein Stück Heimat in der Fremde an…

Es fühlt sich wie Urlaub vom Urlaub an. Etwas unwirklich. Schliesslich war ich noch vor 4 Tagen in der Wüste im Norden Argentiniens unterwegs, ohne Grün und Temperaturen um die 40°C. Und nun war ich etwa 2200 km weiter südlich. 2.5 Tage im Bus. 4x umsteigen. Jedesmal mit SEHR VIEL! Drama, weil die Busfahrer dann direkt vorm Bus – 10 Minuten vor Abfahrt – doch nicht meine Frida mitnehmen wollten, obwohl mir das beim Ticketkauf immer zugesichert wurde (Nein, das ist kein Problem. *Hah, von wegen…). Am Ende hat mich die Zusatzgebühr (und teilweise auch das Bestechungsgeld an die Busfahrer) für den Transport von Frida über die Hälfte meines eigenen Tickets zusätzlich gekostet. Dafür hatte ich sie immer mit mir dabei, weil mich die Alternative – das Fahrrad als Paket in anderen Bussen transportieren zu lassen – fast das gleiche gekostet hätte. Dazu wäre noch die Ungewissheit (ob sie tatsächlich auch verladen wird und das auch im richtigen Bus) und der Zeitverlust von 4 weiteren Tagen (an denen ich auf sie hätte warten müssen) gekommen. Zwischendurch gönnte ich mir eine zweitägige Auszeit in Mendoza, in der ich mich überwiegend kulinarisch verwöhnte (Pfannkuchen, Hamburger, Pizza, und gaaaanzz viel Eiscreme, natürlich neben vielen Vitaminen von Obst und Gemüse). Nur auf ein Weingut habe ich es leider nicht mehr geschafft. Da werde ich wohl nochmal hinfahren müssen.

 

 

Nun war ich also im Seengebiet von Argentinien und Chile. Vom Klima vergleichbar mit Mittelitalien. Der Landschaft wegen, wird es aber eher mit der Schweiz verglichen und entsprechend dort auch als argentinische oder chilenische Schweiz bezeichnet. Es ist DAS URLAUBSGEBIET der Argentinier oder Chilenen, vor allem derjenigen aus dem dicht besiedelten Gebiet um die Hauptstadtmetropole Santiago de Chile.
Vor allem zur Hauptsaison (Weihnachten bis Februar) muss hier die Hölle los sein, die Touristenmassen nur so strömen. Und dann ist wohl auch kein Platz auf einem der Campingplätze mehr zu ergattern. Zum Glück bin ich noch weit davor unterwegs. Entsprechend kann ich dann auch weitgehend ungestört und mit nur mäßigem Verkehr, diese tolle Landschaft geniessen.

 

Camino de los 7 Lagos – Der Weg der 7 Seen

Ich habe mich dazu entschlossen in dem Touristenstädtchen San Matin de los Andes meine Radreise fortzuführen. Die Route soll entlang der landschaftlich reizvollen „Ruta de los 7 Lagos“ entlangführen. Damit folge ich weiter der Ruta 40, der ich oben im Norden bis Cafayate gefolgt war. Ich komme bei strahlendem Sonnenschein und 30 Grad an.

Die Strecke führt mich am nächsten Morgen entlang extrem schöner Landschaft, klaren Himmel und auto-leeren Strassen. Daneben ist der Frühling in seiner ganzen Pracht zu sehen – überall blüht der Ginster und stehen meterhoch die Lupinen. Viele andere Blumen blühen natürlich auch (Die Namen? Keine Ahnung! Keine botanischen Fragen, bitte!).

 

Alleinradelnd kann ich mir mal wieder ein paar grundlegende Gedanken machen und geniesse auch das Alleinsein wieder. Diese Abwechslung ist doch sehr reizvoll, einmal in Gesellschaft, das andere mal allein. Ich kann Euch nicht sagen, was ich mehr geniesse. Schliesslich bietet das Zusammenreisen den Vorteil, dass man sich austauschen kann über Gesehenes und Erlebtes. Man teilt sich die Aufgaben. Und ja auch die Kosten für Hostalzimmer oder Essen verringern sich. Es ist einfacher, einkaufen zu gehen oder alltägliche Kleinigkeiten zu erledigen. Einer kann immer bei den Fahrrädern bleiben oder aufpassen. Auf der anderen Seite reist man allein noch ungebundener, freier und auch ein wenig offener und sozialer. Auch muss man weniger Kompromisse eingehen. Ich werde öfter angesprochen von den Menschen und komme mangels anderen Gesprächspartnern öfters ins Gespräch mit der einheimischen Bevölkerung oder anderen Touristen. Vor allem als alleinreisende Frau. Oftmals setzt hier doch ein gewisser Beschützerinstinkt ein, egal ob von Frauen oder von Männern. Unsicher habe ich mich dennoch nie gefühlt.

Wahrscheinlich geniesse ich es so sehr, weiß ich doch, dass ich in den kommenden Tagen sicherlich erneut auf andere Reiseradler treffen werde. Schliesslich bin ich jetzt in einem Südamerikaabschnitt, an dem nicht nur viele einheimische Rennradfahrer, sondern eben auch viele internationale Fahrradfahrer rumradeln.

An diesem Tag sollte ich allerdings keinem anderen Reiseradler begegnen. Und auch sonst nicht vielen Menschen. Der Grund war ein Wetterwechsel kurz nach dem Mittag. Ich hatte einen kurzen Abstecher an einen zusätzlichen See gemacht. Der besonders schöne See, Lago Hermoso, genannt. Noch während ich eine Brotzeit mache, sehe ich über den See eine Gewitterfront mit Starkregen heranrollen. Ich kann gerade noch rechtzeitig meine Regenklamotten überziehen, bevor ich regelrecht abgeduscht werde.

Endlich wieder Regen! Das erste Mal seit über 2 Monaten. Aber muss es denn gleich so viel Regen sein? Über 15 Grad Temperatursturz. Heute morgen noch in T-Shirt und kurzer Hose losgefahren bei 25 Grad. Jetzt waren es knapp über 10 Grad. Ob ich noch meine Handschuhe rauskramen soll? Erstmal weiterfahren. Irgendwann wird das Gewitter ja mal aufhören.

Tut es nicht. Es wird immer ungemütlicher. Was mich allerdings am meisten stört, dass ich dadurch nicht mehr viel von dieser herrlichen Landschaft sehe, weil die Berge alle in den Wolken verschwinden und auch die Färbung der Seen nur noch ein graublau ist. Für genau dieses Wetter wurden GoreTex-Sachen entwickelt. Wobei auch die beste Regenjacke bei solchem Regen nicht mehr viel helfen kann. 1.5 Stunden fahre ich nun schon. Ich bin komplett durchweicht und muss in Bewegung bleiben, da ich sonst sofort auskühle. Ich komme ins grübeln. Soll ich jetzt vielleicht schon nach nur 50 km mein Zelt aufbauen und hoffen, dass morgen schöneres Wetter ist und ich dann mehr von der Landschaft sehe? Oder weiterfahren?

Ich komme am Lago Falkner an und sehe ein paar Menschen. Kurzentschlossen beschliesse ich bei Ihnen vorbei zu fahren und sie nach den Wetteraussichten zu fragen. Es sind 4 Männer um die 50, die dort grillen. Grillen in Südamerika ist dabei nicht mit dem grillen in Deutschland zu vergleichen. Das Fleisch ist fettiger, nicht mariniert und wird meist in grossen Stücken direkt über dem Holz gegrillt. Salate sind Fehlanzeige. Auch Würstchen gibt es nicht. Überwiegend wird Lamm oder Rind gegrillt. Hier bestätigt sich ganz klar eines der Klischees der Südamerikaner- Hauptsache VIIIEELLL Fleisch.

Die 4 laden mich sofort ein. Ich bekomme direkt ein großes, saftiges Stück Fleisch mit Baguette in die Hand gedrückt und werde gefragt, ob ich lieber Wein oder Bier trinken möchte. Wow, mein erstes Asado! Das würde es doch in Deutschland niemals so geben. Ich bin überwältigt und auch sprachlos. Erstmal trinke ich noch ein Becher meines heissen Tees, damit ich wieder warm werde. Dabei komme ich mit Cristian, Sebastian, Leo und ihren Freund ins Gespräch. Schnell geht es auch hier wieder zum Alkohol über.

Auch der Wettergott muss es gut mit uns meinen, hatte es doch kurz nach meiner Ankuft am Lago Falkner aufgehört zu regnen. Ob es nun an der tollen Gesellschaft, dem Alkohol oder dem super leckerem Asado lag, dass ich wieder von innnen aufgewärmt war, kann ich nicht genau sagen. Wahrscheinlich eine Mischung aus allem zusammen. Nach 2 Stunden zieht erneut eine Gewitterfront heran. Wir packen zusammen. Die 4 Männer bieten mir an, mit Ihnen zu kommen. Abends würde es dann ein richtiges Grillfest geben. Schweren Herzens lehne ich Ihr Angebot ab, fahren sie doch zurück nach San Matin de los Andes. So würde ich nie nach Ushuaia kommen. Also trennen sich unsere Wege wieder. Ich fahre allein weiter gen Süden- erneut im ströhmenden Regen (für morgen hatte der Wetterbericht ebenfalls Regen prognostiziert). Diesmal aber mit einem breitem Grinsen im Gesicht! Im Gepäck habe ich ein mindestens 200g schweres gegrilltes Rindfleisch mit Baguette, das mir die 4 mitgegeben haben – zum Abendessen! Einfach unglaublich!

Meiner Stimmung tut jetzt auch der Regen keinen Abbruch mehr. 2 der 7 Seen hab ich immerhin bei schönem Wetter gesehen, die restlichen verschwinden alle im einheitlichen Grau der Wolken. Lediglich der Lago Traful zeigt einen Hauch seiner wahrscheinlich sonst atemberaubend smaragdgrünen Färbung. Wie gut, dass überall daneben Schilder angebracht sind, so dass ich wenigstens auf den Fotos sehe, wie es hier bei schönem Wetter aussehen kann. Ich fahre immer weiter. Irgendwie reizt mich die Aussicht mein Zelt im strömenden Regen aufzubauen und meine Sachen nicht trocknen zu können nicht sehr. Irgendwie hoffe ich, dass der Regen vielleicht doch mal aufhört und der Wind meine Sachen dann trocknen kann.

Aber es hört nie richtig auf zu regnen. Lediglich die Intensität des Regens variiert. Ist das schon ein Vorgeschmack auf Patagonien? Ich fahre immer weiter. Es dämmert langsam.

20:36 Uhr. Mein Tacho zeigt inzwischen Kilometer 96 an. Ich bin klatschnass, meine Kapuze habe ich als Schutz gegen den Regen tief ins Gesicht gezogen. Ich mühe mich gerade einen Berg herauf, als neben mir ein Jeep hält und der Fahrer Carlos mich fragt, wohin ich will. Der nächste Ort ist nur 20 km entfernt, also verladen sie kurzerhand Frida und mich in ihren Jepp. Da ich keine Hostalunterkunft vorbuche (da ich nie weiss, was tagsüber passiert) ermöglicht es mir die unvermutete Einladung doch bei ihnen im Ferienhaus mit zu übernachten anzunehmen. Carlos und seine 4 Freunde Hernan, Fabian, Diego und Rudolfo machen hier gerade einen einwöchigen Anglerurlaub. Wieder komme ich in den Genuss argentinischer Gastfreundschaft mit viel leckerem Essen, einiges an Alkohol und tollen Gesprächen. Sie sind extrem erstaunt, dass eine Frau soviel Essen kann *hah, nach 1600 Höhenmetern Auf und Ab heute braucht mein Körper viel Energie. Auch kann ich mit ihnen mein Spanisch verbessern, weil kaum andere Sprachkenntnisse vorhanden sind. Es wird eine lange Nacht.

Nach ausgiebigen Frühstück bieten sie mir am nächsten Morgen an, mich ein Stück Richtung Bariloche mitzunehmen, da das doch eh in meiner Richtung liegen würde. Allerdings reizt es mich dennoch mit dem Fahrrad weiterzufahren. Schliesslich habe ich ihre Gastfreundschaft schon über Gebühr strapaziert.

 

Nach einer Stunde klart es auf und die Sonne kommt wieder hervor. Da rollt es sich doch gleich viel, viel besser. Was ein fantastischer Tag! Ich kann mein Glück überhaupt nicht fassen – was ein Glückspilz ich doch bin! Ich kann einfach nicht anders und muss einfach Lachen und grinsen. Es geht gar nicht anders. So fahre ich entlang des Lago Nahuel Huapis, des größten Sees im gleichnamigen Nationalpark.

 

Unterwegs treffe ich erneut auf Sebastian mit seinem Motorrad, einem der 4 Männer, die mich gestern zum Asado eingeladen hatten. Er ist mit seinem Motorrad auch Richtung Süden unterwegs, bevor er nach Buenos Aires zurück fahren muss. Zu uns gesellt sich noch ein anderer Motorradfahrer, der in Deutschland lebende Italiener Giovanni. Auch mit ihm unterhalte ich mich ein Weilchen, währenddessen wir zusammen seine Kekse auffuttern 😉

Danach fliege ich regelrecht durch die Landschaft, habe teilweise nen 30er Schnitt! Woo-hoo. Wellige Hügel und leichter Rückenwind. Perfekte Bedingungen.

Kurz vor Bariloche treffe ich dann erneut auf andere Reiseradler. Zuerst auf Nick aus Südafrika, später gesellt sich uns noch ein brasilianischer Reiseradler dazu. Leider fahren die beiden in die entgegengesetzte Richtung. Also geht für mich alleine weiter nach San Carlos de Bariloche.

Cruce Andino – die Drei-Seen-Tour

Das muss heute echt mein Glückstag sein. Soviel Glück kann es doch gar nicht geben innerhalb eines Tages!?! Ist es sonst schon eine große Freude auf andere Reiseradler zu treffen, und davon ist es schon selten, dass auch mal Reiseradlerinnen dabei sind. Meist sind diese dann als Paar unterwegs. Das ich allerdings bei meiner Einfahrt nach Bariloche auf eine andere allein reisende Radlerin treffe, kommt fast einem Sechser im Lotto gleich. Megan kommt aus England und ist seit mehreren Monaten unterwegs – von Kolumbien bis nach ganz unten ans Ende der Welt. Wir verstehen uns auf Anhieb.

Sie kann mir auch gleich weiterhelfen, wo ich meine Tickets für den Cruce Andino buchen kann. Die Drei-Seen-Tour kann man nicht mit dem Auto fahren. Es soll ein einmaliges Erlebnis sein – eine kombinierte Boots-Bus-Tour. Dauert die Tour normalerweise einen Tag, indem die zwischen den Seen gelegenen Strecken mit bereitstehenden Bussen zurückgelegt werden, hat man hier als Radler natürlich ganz andere Möglichkeiten. Kein ganz preisgünstiges Vergnügen. So kostet die Seenüberquerung der Grenze von Argentinien nach Chile mit Katameranen und Booten für Radler „nur“ 99 USD, anstelle der normalen 280 USD. Im Vergleich zum Normalpreis fühlt es sich dann aber doch fast wie ein Schnäppchen an!

Megan hat auch ein Ticket gebucht- für den übernächsten Morgen. Kurzerhand tun wir uns zusammen und fahren am nächsten Nachmittag das erste Teilstück von Bariloche zum ersten Ablegehafen in LLao LLao. Die zusätzlichen 15km -Rundtour mit dem berühmten Ausblick auf das Hotel von LLao LLao kommen uns wie ein kurzer Sonntagsausflug vor.

Auch finden wir einen tollen Zeltplatz – die Luxusvariante des wild campens. Abgeschieden vom Weg; direkt am glasklaren Nahuel-Huapi-See, der uns Wasser zum Trinken, Kochen, abwaschen und waschen bietet; unter dem Schutz einiger Bäume und sogar mit rumliegenden Baumstümpfen als idealer Sitzmöglichkeit. Megan und ich kombinieren unsere Vorräte zu einem superben Abendessen.

Am nächsten Morgen geht es dann auf Tour. Unsere Packtaschen werden separat mit dem Gepäck der anderen Reisenden verladen und in den Bussen für uns transportiert, so dass wir nur mit leichtem Tagesgepäck fahren. So können wir die spektakuläre Landschaft geniessen – ganz unbeschwert und nur wir zwei mit unseren Rädern einsam in der Natur. Irgendwie bedauern wir die Normalo-Touristen. Sitzen diese doch eher eingeengt im Bus und können nicht an jeder Stelle anhalten und nicht permanent eine 360° Panoramaaussicht geniessen. Dazu haben sie auch noch viel mehr Geld als wir bezahlen müssen.

Leider trennen sich in Puerto Frias nach dem zweiten See erstmal die Wege von Megan und mir. Sie muss morgen schon in Puerto Montt sein, da dann ihre Schwester aus England anreist und mit ihr zusammen reisen will. Ich möchte allerdings diese wilde, ursprüngliche Natur noch einen Tag länger geniessen. Ausser ein paar Einwohnern und den einmal am Tag verkehrenden Busreisenden gibt es hier keine Menschen. Dafür unglaublich viele Wildblumen, Wasserfälle, Urwälder und Tiere. Für einen Tag möchte ich meine Seele in dieser Weltabgeschiedenheit baumeln lassen. Das wird mein Nikolausgeschenk an mich selber sein.

Nach dem Abholen des Ausreisestempels aus Argentinien geht es über steile Serpentinen bei 28 Grad zum fast 1000 m hohen Pass Perez Rosales hinauf, der die tatsächliche Grenze markiert. Anhalten ist nicht möglich, stechen mich doch sonst sofort die Pferdebremsen. Auch eine Motivation einen Berg zu erklimmen.

Auf der chilenischen Seite hole ich mir in Peulla meinen Einreisestempel ab, lasse mir vom Zoll die (aber auch nur an diesem Grenzposten benötigten) Besitzpapiere von Frida erstellen (wahrscheinlich langweilt sich der alte Zollbeamte sonst zu sehr. Ich wurde währenddessen zu einer Limo eingeladen. Er erklärte mir zusätzlich, wie er hier seinen vor dem Haus sitzenden „Adler“ gezähmt hätte.) Danach noch das obligatorische Durchsuchen meiner Packtaschen vom Mitarbeiter des Agrar- und Viehamtes (SAG), besteht doch in Chile für frische Nahrungsmittel (Milchprodukte, Obst und Gemüse, Fleisch- und Wurstwaren) ein striktes Einfuhrverbot. Verstöße werden mit hohen Bußgeldern und in schweren Fällen auch mit Inhaftierung geahndet. Zusätzlich muss bei jeder Einreise ein Formular in Form einer eidesstattlichen Erklärung ausgefüllt und unterschrieben werden. Das ganze Prozedere dient hauptsächlich dem Schutz vor eingeschleppten Pflanzenkrankheiten oder Schädlingen. Die Anden bilden hier ja ansonsten eine natürlche Isolationsbarriere. Das ist übrigens auch ein Grund, warum der Akzent und die Mentalität der Chilenen sich so stark von den anderen südamerikanischen Staaten unterscheiden.
Den guten Herrn habe ich dann aber doch verwirrt, als er mich bat, doch meine hinteren Packtaschen zur Durchsuchung zu öffnen und ich meine vorderen Packtaschen öffnete, da ich vorne (und nicht wie die ein paar Stunden vor mir hier gewesene Megan hinten) meine Lebensmittel verstaue.

Auf der Suche nach einem Zeltplatz habe ich wieder Glück. Wird mir doch von Max ein Platz im Garten Ihres Hauses für mein Zelt zugewiesen. Mir fällt beim Anblick des Hauses und des englischen Rasens die Kinnlade runter, was er mit einem herzlichen Lachen quittiert. Er öffnet mir sein Haus, dass ich die Küche und das Bad benutzen kann. Er müsste nochmal ein paar Stunden arbeiten. Er und seine Freundin Tami wollen in einem Monat ein Restaurant hier eröffnen und dementsprechend gibt es noch viel zu tun. Und weg ist er.

Ich geniesse derweil die Aussicht von ihrer Terasse auf die umliegenden Berge und den davor liegenden See. Sitze in der Sonne und hänge meinen Gedanken nach. Auch das ist mal herrlich, nachmittags schon anzukommen, Zelt und Schlafplatz schon hergerichtet, kein Internet, niemand sonst da, keine Ablenkung. Nichts zu tun. Einfach nur sein. Dasitzen, träumen, entspannen. Kurz: süßes Nichtstun!

Abends kocht dann Max noch ein typisches chilenisches Abendessen. Pollo arverjado con Pastelera de choclo. Eigentlich habe ich seit Peru und Bolivien kein richtigen Hunger mehr auf (trockenes) Hühnchen, gab es das dort doch zu oft (und war auch meist das einzige Gericht auf der Speisekarte). Aber die Kochkünste von Max verzaubern mich. Zumal er alles selbst macht – nicht nur der Mais und die Erbsen sind aus dem eigenen oder dem Garten eines Nachbarn, auch das Hühnchen haben sie selbst aufgezogen. Mehr Bio geht nun wirklich nicht. Unglaublich lecker. Ich bin so gespannt auf das Restaurant von Max. Ich muss da einfach nochmal hinfahren.

Abends erzählen mir Max und Tami von ihren weiteren Plänen. Und ich bekomme auch ein wenig lokalen Geschichtsunterricht, gründete doch der Großvater von Tamara den Nationalpark Vincente Perez Rosales, durch den ich heute gefahren war. Auch ist der Vater von Tamara der Besitzer der Tourismusagentur, die die Cruce Andino Katameran und Bus-Touren anbietet. Sehr unterhaltsam und kurzweilig.

Am nächsten Morgen begegne ich als ersten Menschen dem Bauern von der gegenüberliegenden Seeseite, der Max und Tami mit frischem Gemüse und gerade gepflückten Kirschen aus seinem Garten beliefert! Max schenkt mir eine Riesenportion Süßkirschen zum Verzehr. Wow, das ist das erste Mal, dass ich frische Kirschen Anfang Dezember esse. Aber ich bin ja nun auch das erste Mal in meinem Leben auf der Südhalbkugel.

 

Am Nachmittag besteige ich den Katameran, der mich über den dritten See meiner Cruce-Andino-Tour bringt. Wie es der Zufall will komme ich kurz nach Ablegen des Katamerans mit der sehr sympathischen Jana, einer Chemnitzerin und Ihrem Freund Thomas ins Gespräch. Wir quatschen in einer Tour, lediglich unterbrochen von kurzen Fotosessions. Schliesslich fahren wir hier an den beiden unglaublich fotogenen Vulkanen Puntiagudo und Osorno vorbei. Ruck-zuck sind auch hier die knappen 2 Stunden um. Ich hoffe, dass wir uns irgendwann in Deutschland mal wieder sehen. Die beiden steigen in ihren Bus. Ich mache Frida startklar und fahre noch bis zum nächsten Ort. Dort lande ich an genau dem Campingplatz im Ort, der nicht nur einen eigenen Strand besitzt, sondern auch eine direkte Sicht auf den Osorno-Vulkan erlaubt.

 

Nach einem eiskalten Bad im See kurz nach Sonnenaufgang, und anschliessendem Frühstück, mache ich mich auf den Weg nach Puerto Montt. Es zieht immer mehr zu. Nur ab und an blitzt der Osorno durch die Wolkendecke durch. Damit der oft auch als „Fujijama Chiles“ bezeichnete Vulkan dem Original in Japan alle Ehre. Wird er doch dort als schüchterne Dame bezeichnet, die sich nur knapp an 100 Tagen im Jahr zeigt.

Die restlichen 70km sind schnell runtergespult. Lediglich unterbrochen von einer ausgiebigen Mittagsmahlzeit in Puerto Varas. Hier gönnte ich mir eine riesige Meeresgetiersuppe (die alle mich umgebenden Tischnachbarn zu zweit kaum schafften zu verzehren). Ungläubig schaute mich der Kellner an, als ich mir zum Nachtisch noch ein Tiramisu bestellte und auch dieses bis auf den letzten Krümel aufzehrte. Haha. Anscheinend kommen dort nicht allzu viele Radreisende zum Essen. Danach flog ich geradezu. Auch ein paar jugendliche Radfahrer (wohlgemerkt ohne Gepäck und mit Mountainbikes), die ich ganz unschuldig überholt hatte, schafften es nicht mich wieder ein zu holen bzw. zu überholen. Kein Wunder, dass trotz all der super großen Portionen an nicht gerade kalorienarmer Kost mein Gewicht konstant blieb.

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Puerto Montt

Enden tut dieser Reiseabschnitt in der Hafenstadt Puerto Montt. Ab hier spricht man auch geografisch von Patagonien, wo weiter nördlich das Wort Patagonia eher werbe- und marketingtechnisch verwendet wird. Ich schlendere kurz durch das übersichtliche kleine Stadtzentrum. Leider finde ich keine Regenüberziehschuhe- trotz des abklapperns sämtlicher Fahrrad-, Outdoor- und Schuhläden. Nichts zu machen. Am Ende kaufe ich mir eine Notlösung, die hoffentlich besser als nichts ist. In einem dieser Billig-1-Euro (also 1000 Chilenische Pesos)-Läden kaufe ich mir zwei Hunde-Regenmäntel. Mal sehen, ob die regendicht sind (wie angepriesen) und ich daraus eine passable Notlösung basteln kann.

Meine Suche nach einem Torx 40 L-Schlüssel zum nachspannen meiner Kette war dagegen erfolgreicher. Seit über 2 Monaten suche ich in jeder größeren Stadt nach einem dieser Schlüssel. Einmal bin ich auch fündig geworden, allerdings waren da die Zacken schon im Laden fast nicht mehr als Zacken zu erkennen. Entsprechend verzichte ich dann lieber darauf, wenn es derart offensichtliche Qualitätsmängel aufweist. Nachdem ich nun in Puerto Montt die 3. Ferreteria betrete werde ich nach einigem Durchfragen tatsächlich zu einem fähigen Verkäufer geführt. Sebastian weiss auch sofort, wonach ich suche und bietet mit zwei Auswahlmöglichkeiten an. Allerdings ist bei beiden der Schlüssel nur in einem Komplettset vorhanden. Einzeln werden sie nicht verkauft. Das ist doch viel zu schwer für mich. Ausserdem bräuchte ich doch nur den einen.

Gibt es hier nicht die Möglichkeit nur einen der Schlüssel zu kaufen? Nein, das ginge nicht. Was jedoch dann passiert, ist unglaublich. Er schenkt mir den Torx 40 L-Schlüssel. Was?!? Ja, ich könne das ruhig annehmen. Er findet das toll, dass ich allein mit dem Fahrrad durch Patagonien reisen will und möchte mich so unterstützen. Wow, ich kann nur fassungslos ein Danke sagen. Die Großzügigkeit der Menschen hier überrascht mich immer wieder aufs Neue. Das Sprichwort stimmt also doch. En America del Sur todo es posible. In Südamerika ist wirklich alles möglich!!!

2 Gedanken zu “Die Seeregion von Argentinien und Chile

  1. Youahou ! Deine Bilder und Erzählungen sind immer wieder fantastisch Liebe Antonia ! Es ist auch auf die Strecke die wir auch gefahren sind für uns noch spannender (für Sonnige Bilder der Seen kannst du gerne bei uns vorbeischauen !!). Schick; dass du weiterschreibst, ich freue mich sehr auf die nächsten Seiten !!! Viviane

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  2. Liebe Viviane,
    oh was ein tolles Kompliment! Vielen lieben Dank! Das ist doch mal eine super Motivation weiterzuschreiben. Wäre doch schade um all die Fotos und die Stories, die ich erlebt habe 😉
    Also du kannst dich auf weitere Blogbeiträge freuen- ich bin dran!
    Fühl dich gedrückt und bis hoffentlich sehr bald mal wieder persönlich
    Antonia

    PS: Oh Wow!!! Ja, ihr hattet tatsächlich mehr Glück mit dem Wetter- wie schön!!

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