Nass, nasser, Patagonien!

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2500 mm Niederschlag im Jahr, etwa das 3,4-fache von Hamburg oder das 4,4-fache von Berlin. Damit gehört diese Region zu den feuchtesten Gebieten der Erde. Zumindest dieser Abschnitt Patagoniens auf chilenischer Seite. Lange habe ich diesem Moment entgegengefiebert – endlich die legendäre Carretera Austral zu befahren. War sie lange nur Schotterpiste, wurde etwa ein Drittel der Strecke in den letzten Jahren von Norden her immer weiter aphaltiert. Das tut der phänomenalen Landschaft mit endlosen Fjorden und kristallklaren Seen allerdings keinen Abbruch. Auch der triefend nasse pazifische Regenwald wird durchquert – ein Erlebnis der ganz besonderen Art, vor allem auf dem Fahrrad und mit dem Zelt!

Isla Chiloé

Die grösste der chilenischen Inseln, berühmt für seine 150 Holzkirchen, die vielen mit Tehuelcheschindeln verzierten Häuser, Pinguinkolonien und Vogelparadiese. Windumtost und regenreich hat mich die Insel empfangen. Willkommen in Patagonien!

Hatte ich in Puerto Montt noch versucht Regenüberschuhe zu bekommen, indem ich über 20 Fahrrad- und Sportgeschäfte abgeklappert habe und keines das auch nur annähernd angeboten hat, hatte ich mir kurzerhand in einem 1-Euroshop zwei Regenmäntel für kleine Hunde besorgt und daraus behelfsmässige Überschuhe gebastelt. Nicht die Ideallösung, aber besser als nichts. Trotzdem sind hier bei dem starken Regen meine Schuhe nass (ich konnte abends das Wasser ausschütten), und werden auch trotz Trocknen vorm Kamin über Nacht im Hostal nicht vollständig trocken. Hier muss ich mir definitiv noch etwas anderes einfallen lassen.

 

Der restliche Teil Chiloes ist ziemlich hügelig. Irgendwie hatte ich mir hier mehr versprochen. Ausserdem ist der letzte Ausläufer der Ruta 5, also der legendären Panamericana, hässlich zu fahren. Besonders, weil der Verkehr hier eher peruanische Verhältnisse einnimmt. Die meisten Autos, besonders aber die Lkw- und Busfahrer sind ekelhaft rücksichtslos, überholen mich mit nicht mal 1 Meter Abstand. Hupen. Trotz böigem Seitenwind und meinem dadurch bedingten leicht kurven Abdriften zur Straßenmitte. Was soll ich denn bitteschön machen? Kann ich doch nichts dafür, dass mich starke Windböen von der Seite immer wieder in Richtung Straßenmitte drücken. Könnte ich es vorausahnen, würde ich ja gegenlenken.

Daran merkt man, das hier die meisten noch nie in ihrem Leben auf einem Fahrrad gesessen haben. Oder halt absolut nicht bremsen wollen. Auch vorausschauendes Fahren ist für die meisten unbekannt. Nun gut. Wir sind ja nicht in Deutschland. Aber auch hier gibt es natürlich die löbliche Ausnahmen! Lustige Szenen am Strassenrand und einige herzlich lachende und winkende Menschen.

 

Dafür sind die auf Holzpfeilern errichteten Häuser, besonders von Castro, durchaus sehenswert. Sehr faszinierend empfinde ich auch die vielfältige Fauna- von Gräsern, Farnen bis hin zu Flechten und sonstigem anderen Grünzeug. Auch die Fisch- und Meerestiergerichte sind überaus lecker! Andere Reisende schwärmten von den Naturparks, in denen sich sehr gut Vögel oder eben Pinguine beobachten lassen. Diese lagen aber für einen Besuch mit dem Fahrrad zu weit weg. Auch war ich etwas in Zeitdruck, da ich mit der Fähre vom Süden der Insel zum Festland übersetzen wollte. Und die fährt halt nur zweimal die Woche. Der Ruf von Patagonien war einfach zu gross, endlich weiter ‚gen Süden voranzukommen.

 

Carretera Austral

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Nachdem ich die Nachtfähre 3 Uhr früh von Quellon nach Chaiten genommen habe, komme ich 8 Uhr früh endlich in Patagonien an. Ab hier geht es nun 2500 Km Richtung Süden. Al fin del mundo – bis ans Ende der Welt! Zuerst auf der Carretera Austral in Chile, dann weiter auf der argentinischen Seite der Anden auf der Ruta 40. Nach dem ersten Tag mit Sonnenschein, um mich tiefer in den Süden zu locken, fing jedoch der Regen an. Zunächst noch vereinzelt, immer wieder aufklarend. Immer gerade genug, um die Motivation aufrecht zu erhalten und meine Regenjacke komplett zu trocknen.

Etwas abseits des Weges liegt Futaleufu. Ein Rafting-Paradies. Auch ich wollte sehr gern einen Tag mal die Sportart wechseln, meinen Beinen eher eine Pause gönnen, dafür aber meine Arme mehr fordern. Leider war aber Rafting in Futaleufu wegen zuviel Regen (häh? Ist doch im Boot eh egal, oder?) und zu weniger Touristen nicht möglich. Also weiter! Ein Umweg von 2 Tagen und 160 km, hmpf…

 

Dafür konnte ich auf dem Rückweg zur Carretera Austral wild campen am Lago Yelcho, mit Komplettprogramm. Alles, was sich ein Reiseradler nur wünschen kann. Frischwasserzugang nicht weit entfernt. Strand, See, tolle Aussicht auf See und erhabene Bergwelt mit Schnee von einem regen- und windgeschützten Sitzplatz aus. Zeltplatz auf einer grünen Wiese auf den am Morgen die Sonne scheinen kann. Das alles total einsam, ruhig, uneinsehbar und trotzdem keine 100 Meter von der Strasse entfernt.

 

Ein paar Tage später erreiche ich den Nationalpark Queulat.

 

3 Uhr früh. Ich liege im Zelt. Es schüttet nicht, nein, dass kann ich nicht sagen. Vielmehr ist es eher so, als hätte Petrus vergessen seine Dusche abzustellen. Und das die ganze Nacht. Hatte es doch den ganzen Tag schon geregnet. Ich liege im Zelt und kann nicht schlafen. Normalerweise habe ich hier mit Schlaf keine Probleme. Ganz im Gegenteil. Sobald ich mich in die Waagerechte begebe, bin ich meistens auch schon eingeschlafen. Meist kann ich mich nicht mal erinnern meinen Kopf überhaupt auf ein Kopfkissen bzw. meine Jacke, die beim zelten diese Doppelfunktion erfüllt, gelegt zu haben. Selbst schnarchende Hostal- oder Zeltnachbarn stören mich nicht. Und jetzt lag ich hier wach. Weil ich mir Sorgen machte. Vor allem um meine arme Frida. Stand sie doch draussen treu neben meinem Zelt und harrte aus. Mehr noch als ein begossener Pudel. Aus meinem Schottlandurlaub wusste ich noch, wie effizient so ein Regen sein konnte. Und wie schädlich für ein Fahrrad. Damals hat der Regen eines Hurrikaneausläufers innerhalb von 3 Tagen jegliche Fettigkeiten von meinem Fahrrad weggewaschen. Und zwar so, dass meine komplett neue Kassette und Kette innerhalb von 3 Tagen gerostet sind!

 

Eigentlich müsste ich mal pinkeln, aber das verkneife ich mir.

 

Ich mag gar nicht an morgen früh denken. Die nassen Sachen von gestern abend liegen neben mir im Zelt. Abends hatte ich sie noch versucht mit meiner Körperwärme zu trocknen. Aussichtslos. Morgen früh muss ich die nassen, kalten Sachen dann wieder anziehen. Bäähh. Vielleicht zeigt sich ja die Sonne kurz, um die Sachen wenigstens anzutrocknen.

 

Hoffentlich schaffe ich morgen wieder so viele Kilometer, dass ich abends in einem Hostal schlafen kann, und meine ganzen klammen Sachen, das Zelt und vor allem meinen Schlafsack zu trocknen. Das hatte die ganzen letzten Nächte ganz gut geklappt. Zelten in so einem Wetter macht nämlich keinen Spass.

 

Trotzdem bin ich froh, dass ich ein Zelt mit habe. Nicht nur, weil wild campen hier zu einem der tollsten Erlebnisse gehört –  ein Gefühl von Natur pur und der absoluten Freiheit. Sondern auch, so wie gestern abend, wenn man sich abends im Nirgendwo befindet.

 

Sind doch mehr Abschnitte der Carretera Austral inzwischen asphaltiert, als ich das vorher angenommen habe. Die Chilenen sind fleissig dabei, auch die restlichen Abschnitte zu begradigen, die fiesen kleinen Steigungen auszugleichen, Abschnitte mit Muren und Erdrutschen bzw. abgerutschte Steinabbrüche wieder zu befestigen, oder halt die Strasse zu asphaltieren.

 

Durch diese Baustellen zu fahren, ist nicht nur anstrengend wegen dem aufgestauten Verkehr, der klebrigen Strasse, all dem Matsch. Nein, es verhindert auch, so wie heute, ein ungehindertes Vorankommen (und ein Erreichen der nächsten Stadt mit Hostal und Dorfladen). Über 2 Stunden hatte ich, zusammen mit 2 anderen Reiseradlern aus Kanada, Vic und Carolyne, vor einer Baustelle warten müssen. Strassenkomplettsperrung! Im Regen und Wind. Zum Glück war dort ein Dixieklo, in das wir uns verkriechen konnten. Zumindest etwas Schutz finden konnten. Solche unvermuteten, vor allem langen Pausen sind mehr als unangenehm. Bedeuten sie doch, dass der Körper zum Stillstand kommt, auskühlt und anfängt zu frieren. Also bleibt einem hier tatsächlich nichts anderes übrig als das sprichwörtliche: abwarten und Tee trinken!

Dafür habe ich mir heute einen weiteren Traum erfüllen können: den Besuch eines Regenwaldes! Und zwar, ohne sich Sorgen um Schlangen, jegliche Form von Kriech- und Krabbelgetier oder krankheitsübertragenden Moskitos machen zu müssen. Dazu war es hier nicht warm genug.

 

All das undurchdringliche Dickicht, dass hier seit schon immer steht. Die vielen tollen Bäume mit all den verschiedenen Moosen und Flechten. Einfach toll! Selbst der Regen macht einem dann nicht soviel aus, bewirkt er doch einen beeindruckenden Effekt auf diesen Mikro- und Makrokosmos: tropfende Moose und Flechten, Wassertropfen auf Gräsern und Blättern, jede Menge Wasserfälle, teilweise von den umgebenden Gletschern gespeist, und mystische Wolkenformationen zwischen den Bergen. Zu Recht ist das hier Nationalpark. Der Nationalpark Queulat.

Schon morgens sind wir, da immerhin mit kurzen Regenpausen, an grünblauen Fjorden vorbeigefahren. Selbst Delfine konnten wir beobachten. Damit entspricht die Carretera Austral, jetzt neu in Ruta 7 umbenannt, hier tatsächlich einer Traumstrasse.

 

Noch 2 Tage, knappe 200 km noch bis zur nächsten grossen Stadt. Coyhaique. Ab da soll dann der trockenere Teil Patagonien anfangen. Mal sehen was das bedeutet.

 

Generell ziehe ich aber dennoch, wenn auch in Maßen, die chilenische, regenreiche Carretera Austral im Westen der Anden (hier regnen sich alle Wolken des Pazifiks ab), der trockenen, dafür windumtosten Ruta 40 in Argentinien (Osten der Anden) vor.

 

Immerhin so lange es geht. Komplett ist die Strecke in Chile bis nach unten noch nicht erschlossen. Erstmal nur bis Villa O’Higgins. Also noch knappe 800 km südwärts.

 

Und auch da ist die Strasse der Carretera Austral erst 1999 angekommen. Wurde dieses Projekt, eine Strasse bis ans südliche Ende Chile zu bauen zu den Zeiten von Pinochet, 1976 begonnen, soll sie bis 2050 in Puerto Natales ankommen. Das bleibt noch abzuwarten, ist es hier doch arg zerklüftet und hat bereits hier in diesem Bereich allein die Sprengung eines Felsens, den Piedro de Gato, den ich morgen passieren werde, 3 Mio. US $ gekostet. Insgesamt schon eine interessante Geschichte.

 

Am nächsten Morgen schüttet es immer noch. Ausharren im Zelt. Ob es je wieder aufhört zu regnen? Irgendwann muss es doch wieder aufhören, also warteten wir noch 2 Stunden, bis 10.30 Uhr. Aber es wird nicht besser. Lediglich die Stärke des Regens variiert. Hilft ja nichts, alles ist klamm, feucht oder nass. Abhängig davon, wie ausgesetzt die Gegenstände im Regen waren. Und natürlich wurden die Sachen über Nacht auch nicht trockener. Wie auch, wenn die Luft schon so gesättigt mit Feuchtigkeit ist, dass es keine weitere Feuchtigkeit aufnehmen kann. Und weder die Sonne noch Wind zeigen sich.

 

Also rein in die nassen Klamotten von gestern Abend. Den Rest halbwegs trocken in meine Packtaschen verpacken, so kann es zwar nicht trocknen, kann aber auch nicht noch nasser werden… .

 

Beim Abbauen des Zeltes bin ich schon wieder komplett triefend. Und sehe, dass ich in lauter Pfützen bzw. kleinen Seen geschlafen habe, die am Abend vorher definitiv noch nicht da waren. Hmpf. Das Zelt schüttele ich zwar etwas aus, aber es nützt nichts. Viel Wasser packe ich also mit ein, was das Zelt mehr als doppelt so schwer macht.

Mit dem aufkommenden Wind kühle ich unterwegs immer mehr aus. Hatten wir am Vortag noch überlegt, die übernächste Stadt zu erreichen, verabschieden wir uns von diesem Plan. Hauptsache eine Unterkunft finden, um all unsere Sachen zu trocknen. Der nächste Ort ist 35 km entfernt. Wir kommen am frühen Nachmittag an, zeitgleich mit einem englischen Pärchen, dass aus dem Süden kommt und genauso patschnass ist, wie wir.

 

Über dem Kochplatten und am Kamin trocknen wir all unsere Sachen und verlassen am nächsten Morgen glücklich, trocken und zuversichtlich die Unterkunft. Das Wetter klarte etwas auf, so dass wir ab und an blauen Himmel sehen konnten. Unsere Motivation steigerte sich ebenso wie unsere Begeisterung über die tolle Landschaft. Konnten wir doch jetzt endlich die Berge sehen, inklusive der in der Nacht zugeschneiten Gipfel. Auch Condore begleiteten uns und segelten über uns durch das Tal. Leichter Rückenwind liess uns bereits am Nachmittag in der nächsten Ortschaft ankommen. Wetter sah ganz gut aus. Ab und an Nieselregen, aber nichts wildes. Unsere Lust auf Abenteuer war wieder geweckt, was wieder wild campen hiess. Also fix noch das Abendessen einkaufen. Neben einem Fluss, auf einer windgeschützten Wiese mit phänomenaler Aussicht auf die umgebenen verschneiten Berggipfel wurden wir fündig. Zwar war der Schnee etwas weniger geworden im Laufe des Tages, aber es war immer noch genug da für die Aussicht. Dafür war das Wasser merklich kühler und die abendliche Dusche im Gebirgsfluss reichlich erfrischend, brrr.

 

Nach einem weiteren Tag über Schotter, vielen, vielen Hügel, Gegenwind und so einigen Gauchos, die ihre Kühe zu anderen Wiesen trieben, kamen wir in Coyhaique an. Jetzt spanne ich erstmal ein paar Tage aus und wasche meine leicht muffigen Sachen! Dann geht’s danach wieder mit neuen Elan weiter.

 

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