Kleine Schatztruhe: ein ganz besonderer Tag

DSC_0760_PS4-1280x591

Am frühen Morgen des 25.12. packe ich meine Sachen zusammen und begebe mich auf den 2. Abschnitt der Carretera Austral. Das wird mein erster 1. Weihnachtsfeiertag ohne obligatorischen Weihnachtsgänsebraten werden. Und statt dem sonst normalen Völlegefühl freue ich mich auf die sportliche Betätigung.

 

Völlig überladen mache ich mich auf den Weg. Hatte ich doch am 23.12. noch im Supermarkt groß eingekauft. Obst und Gemüse satt! Da ich unvermutet und spontan zum Weihachtsessen Heiligabend eingeladen wurde, habe ich also noch etliche Zusatzkilos in der Tasche. U.a. 1kg Tomaten, 2 kg Orangen, plus diverse Paprika, Kartoffeln, Brokkoli, Äpfel, Birnen und Kuchen. Aber gut erholt durch 2 Tage Pause, macht mir das nicht so viel aus. Auch die erste Steigung ist rasch überwunden. Im Kopf habe ich noch den Spruch aus dem Hostel, in dem ich in Coyhaique übernachtet habe: Derjenige, der durch Patagonien eilt, verliert seine Zeit. Also fahre ich gemächlich in meinem Tempo. Nicht viel Verkehr ist auf der Strasse unterwegs.

Die nächste Stadt, Villa Cerro Castillo, liegt 100km entfernt. Aber ich habe genügend Vorräte, frisch gewaschene Sachen, ein grundgesäubertes und gut gefettetes Fahrrad und frisch gekochten heissen Tee in meiner Thermosflasche. Also muss ich mir kein Stress machen. Mal sehen, was der Tag bringen wird. Es sollen die letzten 100 km asphaltierte Strasse der Carretera Austral sein. Danach geht es auf Schotter- und Sandpisten weiter. Also nochmal das ruhige Dahintreten geniessen.

 

DSC_0691_PS-1280x853

 

Eine Mittagspause und knappe 40 km später überholt mich ein italienischer Radfahrer. Enrico ist fast 70, spricht nur ein paar Brocken Spanisch und ist fast ohne Gepäck unterwegs. Nur eine in große Mülltüten verpackte Reisetasche auf einem Anhänger. Dafür ist er mit einem Carbonfahrrad unterwegs und lacht mich aus, wie schwer und vollgepackt ich unterwegs bin. Wir unterhalten uns ein wenig- naja er mit seinen Brocken Spansich und immer wieder Italienisch, ich mit meinem limitierten Spanisch- und Italienischkenntnissen. Hände und Füsse fallen leider als Kommunikationsmittel weg, da diese mit strampeln oder lenken beschäftigt sind. Aber schon nach 30 Minuten nebeneinander herfahren merke ich, dass Enrico viel lieber schneller fahren möchte und sich durch mich aufgehalten fühlt. Ich fahre ihm zu langsam. Also fährt er in seinem Tempo weiter und ich falle zurück.

 

Kurze Zeit später treffe ich auf seinen Reisepartner, der mich langsam einholt. Nahuel kommt aus Argentinien und spricht nur ein paar Brocken Englisch. Ich sehe es erneut als Chance meine Spanischkenntnisse auszubauen. Wenn so ein Gespräch auch länger dauert. Aber wir fahren ja in die gleiche Richtung im etwa dem selben Tempo. Also macht es nichts. Er spricht langsam und errät wahrscheinlich eher was ich ihm sagen will, als dass es alles so korrekt grammatikalisch von mir erzählt wird. Nahuel hat eine zu kurze Kette drauf (eine abgelegte Radkette eines anderen Reiseradlers in dem letzten Hostel, wo sie auch Weihnachten gefeiert haben). Dadurch hat er nur 8 Gänge zur Verfügung. Besonders bei der hügeligen Strecke nicht zuträglich. Zumindest bergauf. Bergab rollen Nahuel und ich immer schneller, und schliessen hier mit Lachen und gegenseitigen Anfeuerungsrufen auf Enrico auf und überholen ihn. Bis zum nächsten Anstieg, wo Enrico uns wieder überholt. Das geht so einige Male, bis wir zu einem längeren Anstieg kommen.

 

 

Nach 2 Stunden gemeinsamen Fahren, mache ich noch ein Foto von den beiden und verabschiede ich mich von ihnen. Das wird mir auf Dauer zu stressig. Ich bin jetzt schon immer an meiner Schnelligkeitsgrenze gefahren. Würde ich das Tempo weiterfahren, wären alle aufgebauten Reserven durch die vorherigen Ruhetage dahin. Auch fahren sie kontinuierlich durch. Ohne Pausen. Da habe ich ja keine Zeit mehr zum fotografieren und Landschaft geniessen. Ohne Stress fahre ich nun mein eigenes Tempo und hole beide am übernächsten Anstieg schon wieder ein. Hoppla! Was ist denn da los? Wir lachen. So war das ja nicht gedacht.

 

Nachdem mir Nahuel versichert hat, dass ich sie nicht aufhalte und wir das ganz locker sehen, fahren wir nun doch wieder zusammen. Also er und ich – hinter Enrico, der weiterhin vorneweg fährt. Oft ausser Sichtweite und dann genervt auf uns wartet (und Nahuel fragt, was denn los sei? Warum er so langsam unterwegs wäre?). Die beiden sind schon ein komisches Team. Einerseits besteht jeder auf seine Unabhängigkeit und sein Alleinreisen. Andererseits sorgen sie sich umeinander – der Ältere um den Jüngeren und andersrum. Keiner von den beiden will wirklich allein fahren. So richtig wollen beide es sich nicht eingestehen, wie die Abwesenheit (oder das längere Warten aufeinander) sie verunsichert. Aber das ist ja nur meine Aussenperspektive.

 

Ich fahre mit ihnen, solange bis es mir reicht oder ich keine Lust mehr habe. Entlang von Lupinen, Gebirgsflüssen und vielfarbiger Felsformationen. In Gedanken schaue ich mich nach 70 km immer mehr nach einer geeigneten Zelt- und Übernachtungsmöglichkeit um. Ich hadere innerlich mit mir, soll ich mir hier mitten im netten Nirgendwo, abgeschieden und wieder allein, einen Übernachtungsplatz suchen oder fahre ich noch ein Stück weiter?

 

 

Nach einer kurzen 10-minütigen Essenspause nach 4 Stunden gemeinsamen Fahrens, beschliesst Enrico vorzufahren und für sich und Nahuel einen Campingplatz zu reservieren. Nahuel fährt in seinem durch die Kettenübersetzung verlangsamten Tempo nach.

 

Irgendwie reizt es mich nun aber doch: ob es nicht möglich für mich ist, diesen Tag endlich die 100km/Tag-Marke zu knacken? Bislang habe ich einige Male schon die mittleren 90 km/Tag erreicht, aber dann kam doch immer wieder etwas dazwischen. Die Randbedingungen heute passen – ich fühle mich gut. Und das Wetter ist einfach ideal. Es fängt zwar die Abenddämmerung an, aber das macht nochmal einen ganz besonderen Reiz aus. So lasse ich mir das Fotografieren nun nicht mehr nehmen! Perfekte Fotobedingungen! Die goldene Stunde! Und was für traumhafte Augenblicke. Endlich oben am 1120 m hohen Ibáñez-Pass angekommen eröffnet sich ein phänomenaler Ausblick auf die langen Haarnadelkurven und das dahinterliegende Tal des Río Ibáñez. Auch können wir einen Blick auf das Gebirgsmassiv Cerro Castillo erhaschen – mit seinen gezackten Berggipfeln!

 

 

Die letzten 17km sind eigentlich nur noch lockeres ausrollen. Im Ort treffen wir wieder auf Enrico, der uns vorm Supermarkt begrüßt. Die beiden kaufen noch ein, dann geht’s zusammen zum Campingplatz. Wir kochen zusammen Abend, geniessen einen meiner Kuchen zum Nachtisch und stoßen mit ein, zwei Gläschen Wein an. Auch auf meinen Tageserfolg- gleich 3 Rekorde habe ich heute geknackt: 100,9km, 1640 Höhenmeter (bergauf) und meine neue Maximalgeschwindigkeit von 77,4km/h!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s