Die legendäre Lagunenroute

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„Hey, was tut ihr euch da an?“ Schallt es uns auf deutsch aus einem der vorbeifahrenden Jeeps entgegen? „Spass, Abenteuer, das Gefühl zu leben, und über seine Grenzen zu gehen; nur die Schokolade fehlt.“ So schlagfertig war ich in dem Moment natürlich leider nicht, aber auf den folgenden Kilometern ging mir immer wieder diese Frage durch den Kopf. Warum tun wir uns das eigentlich an? Und was ist heute eigentlich noch ein Abenteuer? Gibt es das überhaupt noch? Alle Kontinente sind entdeckt, keine weissen Flecken mehr. Alles ist schon einmal von irgendjemanden gemacht, ausprobiert oder fotografiert worden. Wozu das Ganze also? Wollen wir unsre eigenen Grenzen immer wieder neu testen, erfahren und erweitern?

Oder ist es wegen der phantastischen, surrealen Landschaft? Ja, das auch. Aber das kann nicht der wahre Grund sein, denn wenn man erstmal 2.5 Stunden sein schwerbeladenes Rad durch tiefen Sand und Vulkanschotter den Berg hochschiebt, um am Ende gerade mal 10 km weiter zu sein, und sich wohlgemerkt die Landschaft nicht wirklich viel verändert hat, hört die Faszination nach spätestens 1.5 Stunden auf. Man nimmt sie noch wahr, möchte aber lieber 10km weiter sein, den Vulkan von einem etwas anderen Winkel betrachten.

 

Die Lagunenroute ist legendär unter Reiseradlern, zählt sie doch zu einer der angeblich schwersten Strassen der Welt für Fahrradfahrer. Sandige Pisten erschweren hier das Radeln, mit einigen Passagen von Anfang an als unfahrbar beschrieben. Schon der Einleitungssatz zur Beschreibung dieser Tour in meinem deutschen Radreiseführer warnt: „Diese Fahrt ist kein Picknick und das bolivianische Hochland ist nicht Disneyland; Gefahren sind real und allgegenwärtig. […] Auch in den Monaten Juli bis Oktober (Trockenzeit) fallen jedoch Niederschläge, und zwar ausschließlich als Schnee; dagegen muss man gewappnet sein: Essensvorräte für 10 Tage und 1,5-2 Liter Brennstoff sind obligatorisch, um plötzliche Schneefälle zu überstehen. Die Biwakausrüstung sollte bis -20 °C ausgelegt sein. In der Höhe blasen insbesondere bei Beginn der Dämmerung enorme Winde. Das windfeste Zelt sollte im Sitzen aufgebaut werden und mit einer Leine am Körper gesichert sein. Die Packtaschen sollten ebenfalls keinesfalls ungesichert herumliegen“.

Dennoch versprachen die Bilder, die ich im Internet gesehen hatte, großartige Landschaften. Diese selbst zu erleben stand für mich vor der Reise als unumstößliches must-see auf der Liste. Das musste ich einfach selbst sehen!

 

Der Tag vorher

Um aber erstmal zum „offiziellen“ Beginn der Lagunenroute zu kommen, fahre ich am Tag vorher allein die 92 km von der Isla Incahuasi nach San Juan.

Der Salar de Uyuni ist definitiv der surrealste Ort an dem ich je war. Das wird zusätzlich verstärkt dadurch, dass sich der Himmel auf dem Salz spiegelt und damit die umgebenden Berge aussehen als würden sie über der Erde schweben. Komplette Stille. Ausser meinem Atem und dem Wind höre ich ansonsten nichts. Kein Zeichen eines Lebewesens. Die Sonne brennt. Und das schon früh am Morgen. Auch hat man den Eindruck die Erdkrümmung mit den Augen zu sehen.

Nach Verlassen des Salzsees an der Kreuzung gibt es genau 3 Häuser. Eines davon verkauft Empanadas. Ich kaufe mir 4 Empanadas, mit Fleisch, Kartoffeln und Gemüse gefüllte Teigtaschen zum Mittagessen. 3 verzehre ich sofort vor Ort, eins zum „Kaffee“ für unterwegs. Ob es nun an der Umgebung lag, oder daran, dass es tatsächlich leckere Empanadas waren, kann ich objektiv nicht beurteilen. Aber sie bleiben mir auf Monate als eine der leckersten Köstlichkeiten, die ich in Südamerika gegessen habe, in Erinnerung. Dort höre ich auch, dass Tina, Thomas und Campbell nur 1 Tag vor mir sind. Zumindest passt die Beschreibung auf sie. Also ist meine Motivation natürlich nochmal größer mich zu beeilen und hoffe sie noch einzuholen.

Mit Sonnenuntergang erreiche ich San Juan und begebe mich auf Herbergssuche. Dabei versuche ich auch Tina, Thomas und Campbell zu finden. Ohne Erfolg. Durch Zufall begegne ich Nuno, und quartiere mich in der gleichen Herberge ein. Dann reise ich jetzt mit ihm die Lagunenroute, ist wahrscheinlich auch entspannter, da wir fast dasselbe Reisetempo haben und er einer der positivsten und optimistischsten Personen ist, die ich je kennengelernt habe.

Nach einem kurzen Abstecher zum Supermarkt, um die noch fehlenden Lebensmittel und Alkohol für meinen Bierbüchsenkocher einzukaufen, und einem leckeren Pollo milanesa der Herbergswirtin, werden die Sachen gepackt, nochmal alle Batterien geladen, meine Radfahrbekleidung kurz nochmal vom grössten Staub befreit und durchgespült, bevor auch ich mich endlich dusche und ins Bett falle.

 

 

Tag 1 Lagunenroute: San Juan bis zum Flussbett am Fusse des Berges

Morgens zum Frühstück haben wir von unsrer Herbergswirtin unsre jeweils 6 am Vorabend gekauften Eier kochen lassen, um sie in den nächsten Tagen als Mittagessen zu verzehren. Zurück kamen die Eier dann in dem gleichen Plastikbeutel, in dem sie im Laden verpackt wurden, und zwar genauso wie sie verpackt wurden, nur etwas geschrumpft, ob der Hitze des Kochens. Was waren wir erstaunt und zugegenermassen auch sehr amüsiert, hatten wir doch noch nie jemanden gesehen, der einfach die Eier mitsamt des Plastikbeutels kocht…

Dann noch schnell das Fahrrad gesäubert und abgewaschen vom ganzen Salz der Salare, um den Verschleiss meiner Teile noch etwas hinaus zu zögern. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht wirklich bewusst, dass wir keine 15 km später erneut über einen weiteren Salar fahren sollten. Der verspätete Aufbruch stellte sich jedoch als Glücksfall heraus, war es doch Freitag morgen, der einzige Tag in der Woche an dem der Obstverkäufer mit seinem Laster in den Ort kommt. Also fix noch für jeden von uns 6 Bananen und 3 Mangos gekauft. Alles sehr reif und super lecker!

Nachdem wir also erst spät losgekommen sind, und unterwegs viel erzählt haben, unsere Wasservorräte auf dem Militärgelände Chiguana aufgefüllt und Quatschfotos mit den Eisenbahnschienen gemacht haben, haben wir am Ende des Tages trotz guter Salarpistenverhältnisse nur 48 km geschafft.

Dafür haben wir aber in der Mitte des Nachmittags die Lettin Marika (seit fast 2 Jahren mit dem Fahrrad unterwegs) und die Spanierin Cristina (seit 3 Jahren mit dem Fahrrad unterwegs) getroffen und uns so gut verstanden, dass wir in der Hitze auf dem Bahndamm sitzend über ’ne Stunde gequatscht und uns über unsere Reiseerlebnisse, das Universum und sprichwörtlich Gott und die Welt ausgetauscht haben. Marika will ebenfalls die Lagunenroute fahren, allerdings über einen anderen Einstieg. So verabredeten wir uns für den nächsten Abend an der Laguna Hedionda.

 

Tag 2 Lagunenroute: Flussbett am Fusse des Berges bis hinter nem anderen Berg

DURST!!! Ich kann an nicht viel anderes denken: Durst, weiterschieben oder -treten, Durst, Atmen, Wasser fehlt, DURST!

Sagte doch der Routenverlauf für heute die Erklimmung eines 10km Anstieges voraus. Der Pass lag auf 4300 Metern, also nicht soviel höher als wir ohnehin schon unterwegs waren. Piste sollte relativ gut befahrbar sein. Naja, das pdf mit der Routenbeschreibung ist ja nun schon 5 Jahre alt, also nicht zu positiv denken. Erstmal abwarten, bisher war noch kein Berg leichter als gedacht. Und ich lag richtig, es wurde anstrengend. Nein, das stimmt nicht, megaanstrengend! Es sollte letztendlich der anstrengendste Tag der gesamten Route werden, aber das wussten wir zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht.

Zeitlich haben wir mehr als 4 Stunden für die 10km bergauf gebraucht. Viel, viel Schieben, weil der Sand zu tief war und meine Reifen immer wieder bis zu den Felgen versanken. Zwischendurch versuchte ich durch das Tragen meiner Lowridertaschen das Einsinken des Vorderrades in den Sand zu verringern, was aber auch nicht so richtig funktionierte.

Was hatte ich nur alles in den Packtaschen, dass das Fahrrad so schwer machte? Ausrüstung, Kleidung und Essen für (mehr als) 10 Tage. Wasser war es nicht! Hatte ich am Tag vorher mit Absicht nicht alle Wasserflaschen aufgefüllt, um am Berg das Gewicht so gering wie möglich zu halten. 3 Liter waren es gewesen. Knapp, aber machbar. So dachte ich jedenfalls. Das war definitiv falsch gedacht und rächte sich am nächsten Tag.

Mit nur nen 3/4 Liter startete ich in den Tag. Noch nie in meinem Leben hatte ich so einen Durst! Und auch das Gefühl in absehbarer Zeit an kein neues Wasser zu kommen, wenn ich nicht schnellstens über diesen verdammten Berg drüberkam, machte es nicht besser. Danach waren es nochmal 30 km bis zur nächsten Wasserauffüllstation an der Laguna Hedionda.

Also weiterschieben. Nicht nachdenken. Oder besser, denk an was anderes ausser Wasser oder Durst. Nicht einfach! So sehr ich es auch versuchte, es gelang mir einfach nicht! Wie konnte ich nur so blöd sein und zu wenig Wasser mitnehmen? Vor allem so leichtsinnig? Dämlich, einfach dämlich! War dies zu Beginn meiner Reise meine innere grösste Angst gewesen, sah ich mich nun allen inneren Ängsten, und Konflikten mit diversen Argumenten und Streitigkeiten gegenüber.

Mit zunehmender Gipfelhöhe, fortschreitender Mittagsstunde und immer heisser brennender Sonne nahmen auch meine Kreislaufprobleme zu. So fragte ich schliesslich doch Nuno um etwas seines ebenfalls rationierten Wasservorrates und durfte mir erstmal eine 5 minütige Belehrung über den Umgang von Wasser in der Wüste anhören. Das ist mir schon klar, aber auch ich lerne dazu. Vor allem nach dieser einprägenden Erfahrung! Nun weiss ich, wieviel Wasser ich etwa brauche. Vor allem, wenn ich durch eine Wüste fahre. Das machte ich ja nun das erste Mal.

Endlich!!! 5 km hinter dem Gipfel und einer weiteren Stunde kommt uns ein Jeep mit spanischen Touristen entgegen, die mich gegen frühen Nachmittag dann mit 2,5 Liter Wasser versorgen. Ein Liter trank ich sofort auf Ex, während er die andere Wasserflasche auffüllte und sich mit mir unterhielt.

Unterwegs sehe ich, dass auch viele andere Radfahrer geschoben haben oder aber die beste Route durch die vielen Sandwege gesucht haben. Wie muss das erst vor 20 Jahren gewesen sein, mit den 30 – 35 kg Gepäck zusätzlich am Rad für die kompletten 10 Tage Essen und Wasser? Gab es doch damals kein einziges Refugio zwischendrin. Da kann ich mich ja heutzutage noch glücklich schätzen. Immerhin sollten wir etwa alle 2-3 Tage auf ein Refugio treffen.

Dann muss ich auch unbedingt mehr Wasser einpacken für die nächsten Tage! Auch habe ich morgens zu lange gebraucht, weil ich ewig nicht aus dem Schlafsack raus wollte, weil im Zelt nur 1 Grad war. Das muss für die nächsten Tage besser werden!

Dafür ist die Landschaft überwältigend schön! Kurz vor Sonnenuntergang finden wir einen Zeltplatz in einer Umgebung, die mich sehr an Schottland erinnert. Schade, heute haben wir es nicht zur Laguna Hedionda geschafft. Ob wir Marika dennoch Wiedersehen werden? Ich hoffe es sehr!

PS: Notiz an mich: Die Lagunenroute zählt wie eine Wüstendurchquerung, eine weitere Wüste muss ich nicht mit dem Fahrrad durchqueren!

 

 

Tag 3 Lagunenroute: Hinter nem anderen Berg bis zur Laguna Ramaditas

Ich bin früh aufgestanden. 5.30 Uhr wach, 5.50 aufgestanden, damit ich nicht wieder Bummelletzte bin und Nuno auf mich warten muss. Dafür musste ich ihn wecken und dann auf ihn warten. Sind aber so das erste Mal vor 8 Uhr abfahrtsbereit gewesen.

Die Wasserresserven bei mir nach Frühstück für die 20km bis zur Laguna Hedionda 0,2 Liter. Der Tag fängt ja vielversprechend an. Wir geniessen bei der ersten Laguna Capata die vielen Flamingos. Kurz danach erschnorre ich mir von einem Jeep erneut einen Liter Wasser. 10.30 Uhr treffen wir auf Marika! Sie hatte es gestern abend auch nicht mehr zur Laguna Hedionda geschafft. Wie schön. Ab hier fahren wir zusammen.

Viele Jeeps zur Mittagszeit bei der Laguna Hedionda. Wir waren 12 Uhr da, wurden umringt und interviewt, bis wir selbst im Restaurant was essen konnten. Und vergessen die Zeit erneut. Sitzen wir doch bis 15.30 dort, erzählen und essen. Schliesslich kennen wir uns noch gar nicht richtig, wenn es sich auch gleich von Anfang an als perfektes Team anfühlt.
Auch unsre Wasservorräte werden mit dem etwas mehr als leicht salzigem Wasser aufgefüllt. Ich habe jetzt 7.5 Liter und damit auch 7.5 kg mehr Last am Fahrrad. Geschätzt bringt so mein Fahrrad jetzt alles in allem um die 60 kg auf die Waage. Alles andere als ein Leichtgewicht also, wenn es darum geht das Fahrrad durch Sand den Berg hochzuschieben, zumal man auch die Höhe mit einbeziehen muss.

Danach fahren wir noch 10km bei starken Gegenwind bis wir nen Zeltplatz suchen. Wegen mangelnden Windschutz bauen wir unsre 3 Zelte in einer Reihe auf.

Man stumpft doch schon ein wenig ab. Wenn man auch bei der 5. Lagune des Tages Flamingos sieht, ist das nichts besonderes mehr. Abends bekomme ich von Nuno Teebaumöl für die Wunde an meinem rechten Daumen, da der immer wieder aufreißt und blutet, ob der extremen klimatischen Bedingungen mit extrem trockener Luft und starker Kälte nachts und beißender Sonne tagsüber. Ich hoffe es hilft. (Tat es nicht, die Wunde sollte über die nächsten Wochen nur immer tiefer werden und erst in nem Monat wieder halbwegs verheilt sein.)

Im Restaurant an der Laguna Hedionda haben wir super leckeres frisch gebackenes Brot bekommen. Marika hat noch 6 Stück gekauft, meine 2 gibt’s morgen zum Frühstück, mit Marmelade und Erdnussbutter. Bin doch ganz froh, dass wir jetzt zu dritt sind, das entzerrt doch meistens, und auch, dass Marika auch schiebt. Glaube es passt ganz gut mit dem Tempo.

Die Lektionen die ich in den letzten Tagen gelernt habe, sind
1. geduldig zu sein. Man kann hier einfach nichts erzwingen, zuviele Variablen spielen hier mit rein, vor allem die Wegbeschaffenheiten und der Wind.
2. die Dinge nicht übers Knie zu brechen und so zu akzeptieren, wie sie sind, sonst wird man verrückt.
3. Nicht mehr zu fluchen, wenn das Vorderrad mal wieder quersteht oder man sich schiebend durch die Sandpassagen kämpfen muss. Es geht dadurch auch nicht schneller.
Und wie Nuno sagen würde, ändert sich dadurch nicht viel im Leben. Was macht schon ein Tag mehr oder weniger im Vergleich zu der ganzen Reise aus? Alles ins Verhältnis setzen. Recht hat er! Wie wunderbar ist es doch sich so eine Auszeit nehmen zu können, als jetzt am Schreibtisch sitzen zu müssen. Dann doch lieber hier draussen, bei Sonne und Wind, wunderbarer Landschaft und das Leben in vollen Zügen geniessen.

 

 

Tag 4 Lagunenroute: Laguna Ramaditas bis zum Hotel Desierto

Nach gemeinsamen Frühstück wird der 15 km lange Anstieg angegangen. Der Weg war meist ganz gut, wurde zum Gipfel hin aber immer zäher, sprich schieben. Sind heute gegen 8.30 Uhr 9 Uhr losgekommen. Zweimal machen wir eine kurze Pause auf dem Anstieg zum Essen und Trinken. Hab meine letzten beiden gekochten Eier gegessen. Marika hat einmal Schokolade spendiert.

Danach geht’s in nem Tal entlang. Ich hab viel geschoben, weil es geschwindigkeitsmässig kaum nen Unterschied gemacht hat und ich Hunger hatte und mir das Wellblech den Rest gegeben hätte. So war es dann ok. Gegenwind mal wieder.

17.15 Uhr kommen wir am Hotels Desierto an. Eine Übernachtung kostet 150 USD, ein Abendessen (Pollo und arroz, das gleiche was es auch sonst überall gibt, nur schicker hergerichtet und auf nem Tisch mit weißer Tischdecke serviert) 18 USD. Definitiv zu teuer. Das wollen wir uns nicht leisten. Also haben wir gezeltet, auf dem Fußballplatz des Hotels. Und selbst gekocht, fertig Trekkinggericht Chana masala, Kichererbsen mit Reis, sehr lecker. Wieder bauen wir unsre Zelte in einer Reihe auf gegen den Wind. Es ist sehr kalt! Dafür kommt uns ein Fuchs besuchen und leistet uns kurz Gesellschaft!

Danach gehen Nuno und ich noch ins Restaurant und haben erst nen Tee bzw. Kaffee getrunken zum Aufwärmen und danach noch ein Bier. Super lecker und herrlich nach nem anstrengenden Radeltag. Leicht angetüdelt und ohne Zähneputzen falle bzw. krieche ich nur noch in meinen Schlafsack. Und schlafe sofort ein.

Oft bin ich abends so fertig, dass ich nicht mal mehr mitbekomme meinen Kopf überhaupt in die Waagerechte befördert zu haben. Nachts waren es im Zelt -5 Grad, draussen wahrscheinlich -10 grad. Diese Nacht hab ich leicht gefroren im Schlafsack, aber nicht wild. Mein Atem ist mal wieder auf der Schlafsackaussenseite gefroren. Was zu einem unangenehmen Aufwachen führt, wenn man sich nachts im Schlafsack umdreht und die Eiskristalle ins Gesicht regnen.

 

 

Tag 5 Lagunenroute: Hotel Desierto bis zum Arbol de Piedra

Nachdem es morgens 6 Uhr grad mal 0 Grad waren, obwohl die Sonne schon auf unsere Zelte geschienen hat, und alle Wasserflaschen gefroren waren, sind wir erstmal ins Hotel zum frühstücken. All you can eat, mit frischen Papaya und Äpfeln, frisch gebackenen Brötchen mit Marmelade, Käse, Wurst, Rührei, Butter, dazu Müsli und Yoghurt, Saft und Maistrank mit Zimt, Tee und Kaffee.

Die Hotelangestellten waren wohl doch etwas irritiert als wir uns den 3. vollgeladenen Teller holten und besonders beim Obst zugeschlagen haben. Sowas ist einfach nicht drin in den Packtaschen und wird deshalb umso mehr genossen. Wir in unseren staubigen Radlerklamotten zwischen den doch etwas betuchteren und deutlich schicker und sauberer gekleideten Jeeptouristen im Restaurant. Und das alles für 9USD.

Anschließend bauen wir die Zelte ab und packen den restlichen Kram zusammen, füllen wieder unseren Wasservorrat auf, 7 Liter, Entkeimung und los gings.

Danach ging es eben jene zu Anfang beschriebene eklige Piste hinauf. 10 km nur Schieben durch Sand oder Vulkanschotter, 2.5 Stunden. Danach haben wir Mittagspause gemacht. Ich verzehre die restliche Salami zusammen mit einem mitgenommenen Brötchen des Frühstücks. Die Packtaschen werden merklich leichter mit jedem Tag der vergeht und mehr Essen rauskommt.

Danach sind es noch 20km bis zum Arbol de Piedra, dem Steinbaum. Ging ganz gut trotz übelster Wellblechpiste, aber keiner von uns hat sich beschwert, weil wir alle glücklich waren wieder etwas Strecke fahren zu können.

Unterwegs können wir in den Gesichtern der Jeeptouristen alle Emotionen ablesen, zu denen die Menschen fähig sind. Von teilnahmslos und gelangweilt bis hin zu fasziniert, beeindruckt und begeistert.

Auch uns gegenüber haben wir das weite Spektrum von Ignoranz; ungläubigen Erstauntseins; Unterstützungsbekundigungen durch Winken, Daumen hoch oder Zurufen; bis zu den absolut begeisterten Blicken, die das toll finden, was mir machen. Und manchmal kann man sogar ablesen, dass sie jetzt selbst viel lieber mit uns auf dem Fahrrad diese Strecke erkunden würden, als im Jeep zu sitzen. Das sind dann immer die Momente, die bei mir am besten in Erinnerung bleiben, zumal das Lächeln in ihren Gesichtern mindestens genauso breit ist, wie in meinem. Trotz aller Widrigkeiten der Wegbegebenheiten oder des Wetters.

Beim Arbol zelten wir und erleben mal wieder eine phänomenale Abendstimmung, mit Sonnenuntergang in traumhaft schöner Landschaft. Abends gibt’s mal wieder Pasta und irgendeine Tomatensauce.

 

 

Tag 6 Lagunenroute: Arbol de Piedra bis zur Laguna Colorada

6 Uhr. -8 Grad im Zelt. Der Schlafsack von außen gefroren. Alle Wasserflaschen gefroren. Aus dem Schlafsack guckt nur meine Nase und mein Mund heraus. Ein Wunder, dass mein Tablet trotz der Kälte funktioniert. Na gut, es liegt mit mir im inzwischen leicht geöffneten Schlafsack, während ich diese Zeilen schreibe und auf die Sonne warte, die mein Zelt dann ruckizucki erwärmt.

Nebenan höre ich schon Nuno, der zuerst das Eis der Wasserflaschen bricht, damit er dann sein Frühstück kochen kann. Er ist der einzige von uns dreien der im Zelt kocht. Marika und ich warten noch etwas, bevor wir aufstehen, weil wir beide lieber außerhalb des Zeltes kochen.

Es ist kurz nach 7 Uhr als wir die ersten Jeeps kommen hören und auch gleich mit Touristen überschwemmt werden. Aber noch halten sie gebührenden Abstand, sehen sie doch, dass wir noch beim Einpacken und Frühstück kochen sind. Die nächsten Touristen rund eine halbe Stunde später sind schon neugieriger und Löchern uns mit Fragen, die wir gerne beantworten. Kurz nach halb 9 ist der Spuk vorbei und wir können in Ruhe unsre 7 Sachen zusammenpacken und selber ein paar spaßige Fotos von den Felsen und mit unseren Rädern vorm Arbol de Piedra schiessen.

Es ist 10 Uhr als wir uns endlich auf den Weg machen, eigentlich hatten wir uns vorgenommen endlich mal früher loszukommen… Erneut fängt der Radeltag mit Schieben an. Die relativ gute Fahrstrecke von gestern gibt es nicht mehr. Es ist mal wieder ein Verhältnis von 50:50 von fahren zu schieben.

Auf der weiteren Strecke waren die Bedingungen teilweise so, dass wir selbst bergrunter die Räder schieben mussten. Das hatte ich bisher auch noch nie, und es kam mir vorher auch nie in den Sinn, dass dies möglich ist. Bisher hatte ich immer geglaubt, dass bergauf anstrengend werden kann, aber man immer mit einer Abfahrt belohnt wird. Nicht so hier, bei tiefen Sand, die die Räder blockieren lässt und teilweise starken Gegenwind hatten wir keine Chance runter zu rollen, sondern mühen uns ab, dass Fahrrad überhaupt vorwärts zu bekommen. Die Neigung bergab war dabei wenig zu spüren.

So erreichen wir gegen 14.30 Uhr die Laguna Colorada. Wir fragen in einem Refugio nach einem Mittagessen, weil wir alle ziemlich grossen Hunger haben und bekommen eine grosse Portion Arroz, Papas Fritas und Ei. Der Wind ist inzwischen so stark, dass wir Angst haben es hebelt das Wellblechdach ab.

Kurzentschlossen entscheiden wir uns die Nacht hier zu verbringen und morgen früh, dann aber wirklich, früh zu starten, damit wir die nächste Nacht an den Geysiren am Sol de la mañana verbringen können. Das wegfallen von Frühstück kochen und Zelt einpacken könnte uns die gewünschte extra Stunde Zeit bringen.

Es war dann auch die richtige Entscheidung. Der Wind nahm noch zu, da hätten wir eh nicht mehr so viele km geschafft. Und wie wir alle 3 festgestellt haben am Morgen: uns geht es nur bedingt ums km schrubben, sondern lieber ums Leben geniessen. Das Fahrrad ist dazu nur ein Mittel. Der Spassfaktor stand dann auch an diesem Tag ganz klar im Vordergrund, zumal wir im Refugio noch auf eine Gruppe Brasilianer getroffen sind, die die brasilianische Lebensfreude gleich mit im Gepäck hatten. So haben wir viel gelacht.

Vorm Abendessen haben Marika und ich dann noch ausgiebig Katzenwäsche betrieben und uns gegenseitig geholfen unsre Haare zu waschen. Mithilfe unserer Campingtöpfe! Nach einer Woche, welch angenehmes Gefühl. Und man sieht einmal mehr, welchen Einfluss die Sozialisierung auf uns hat, jeden Tag zu duschen. Endlich mal wieder sauber und staubfrei. Welch wundervolles Gefühl!

Abends wurden wir 3 dann noch von den Brasilianern für ein Uniprojekt interviewt, wieder mit viel lachen. Und kurz darauf haben sie uns motiviert mit Ihnen zusammen Lichtmalerei draussen vor der Laguna Colorada auszuprobieren. Sie waren von meinen Fahrradmalkünsten ganz begeistert und nannten mich einen kleinen Picasso. Naja, ganz soweit würde ich selbst dann doch nicht gehen, habe ich doch einfach schon zuviele tolle Lichtmalereifotos gesehen. Leider haben wir aber an dem Abend vergessen unsre Fotodateien auszutauschen, so dass ihr, wie ich, leider nicht in den Genuss meiner lichtgemalten Fahrräder kommen könnt. 21.30 Uhr lagen wir dann endlich im Bett.

 

 

Tag 7 Lagunenroute: Laguna Colorada bis kurz hinterm 4700 m Pass

Wir konnten etwas zeitiger starten, da wir gestern abend noch das Eintrittsticket für den Nationalpark Eduard Avaroa gekauft hatten und uns der Typ erst ab den nächsten Tag Gültigkeit angerechnet hat. Das Ticket gilt nämlich nur für 4 Tage, was mit dem Fahrrad zwar durchaus zu schaffen ist, aber es kann ja immer mal schnell etwas dazwischen kommen. So ging es entlang der Laguna Colorada.

Wir nehmen uns an dem Morgen auch fast eine Stunde Zeit, um die Flamingos der Laguna Colorada zu fotografieren, zu filmen und einfach zu erleben. Die Flamingos der Lag. Colorada sind deutlich mehr an Touristen gewöhnt, so dass wir auch deutlich näher ran gekommen sind zum fotografieren.

Danach ging es weiter entlang der Lagune mit teilweise fahrbaren, teilweise sandigen Passagen. Kurz vor dem Anstieg zum 4700 m Pass haben wir Mittag gemacht, Tuna und sandy bread. Sprich Toastbrot, dass seit einer Woche in den Packtaschen ist und natürlich inzwischen so trocken und krümelig ist, dass es eher an Sand als an Brot erinnert.

Der Anstieg war zwar recht moderat und auch die Strasse einigermaßen ok, aber irgendwie hatte ich trotzdem nicht die Kraft und die Puste den Pass hochzuradeln, zumal der Wind wieder etwas früher kam als am Tag vorher. Etwa auf halber Strecke, nachdem ich mal wieder etwas angenervt vom Schieben, Strasse, Gewicht des Fahrrads und des Windes war, hat mir mein Schutzengel mal wieder ein Motivationsschub versetzt. Diesmal durch einen Jeep mit einem anderen Fahrradfahrer aus Santa Cruz und einer Frau aus Alaska, die alles immer mit einem begeisterten awesome kommentiert hat. Das Gespräch war genau der Kick und Motivationsschub den ich gebraucht habe.

Gegen 16 Uhr, kurz hinter dem 4700 m Pass haben wie beschlossen, dass wir die 12 km zum Sol de la mañana heute bei dem Wind nicht mehr schaffen und dass es auf der Hochebene bei dem Wind sehr schwierig werden dürfte einen Windschutz für unsre Zelte zu finden. So haben wir dann auf anraten Nunos die Zelte kurz hinter dem Pass aufgebaut. Der Untergrund war überall sehr steinig, nicht geeignet zum zelten. Aber wieder einmal hatten wir Glück und haben von Baggern aufgeschobene Hügel gefunden. Mit den Erdhaufen als Windbarriere und wunderbar weichen Sand zum Zelt platzieren. Naja, zum schlafen sehr gut. Zum halten meiner Heringe überhaupt nicht geeignet.

Nachdem ich das erste mal das Zelt allein aufgebaut habe und es wieder weggeweht wurde, hat mir Marika geholfen, aber auch da ist das Zelt wieder weggeflogen. Als Nuno dann kam, hat er mir gezeigt wie man in solch lockeren Untergrund die Heringe befestigt: durch Steine und verkeilen der Heringe, das hat dann auch gehalten, auch wenn ich den ganzen Nachmittag und teilweise auch die Nacht Angst hatte mitsamt des Zeltes wegzufliegen. Zumal mein Zelt auch lauter ist und mehr Krach macht als die anderen beiden Zelte. Aber alles ist gut gegangen.

Abends hab ich mir dann eines der guten, teuren gefriergetrockneten Trekkinggerichte gegönnt, um zu Kräften zu kommen und für den höchsten Gipfel des nächsten Tages gewappnet zu sein. Ungarischer Nudeleintopf, sehr lecker! Dann hab ich Abends gleich noch einen Liter Wasser gekocht und in meine Thermoskanne gefüllt, um auszuprobieren, ob ich dadurch morgens einen Zeitvorteil heraushole, weil ich nicht erst noch Wasser fürs Frühstück kochen muss. Die Idee ist gut, allerdings war das Wasser am nächsten Morgen nur etwas mehr als lauwarm, was nicht verwunderlich ist bei 4700 m Höhe, es kocht bereits bei um die 60 (?) Grad und wird damit einfach nicht heiss!

Nachts war es dann durch die Wolken überraschend warm, trotz der Höhe nur um die minus 5 Grad, so dass ich schon fast geschwitzt habe in meinem Schlafsack. Und… ich bin nicht weggeflogen.

 

 

Tag 8 Lagunenroute: 4700 m Pass bis zu den Thermas Chalviri

Am nächsten Tag fahren sich die 12 km bis zum Geysir Sol de la manana ruckizucki, weil wir nicht noch gegen den Wind ankämpfen müssen. Auch haben wir alle 3 zunehmend weniger Schwierigkeiten in der Höhe zu atmen. Entgegen zu vielen anderen Reiseradlern, die berichten, dass sie oft kurz vorm Einschlafen nochmal aufschrecken, weil sowas wie eine Schlafapnoe einsetzt, also das Gefühl nicht genügend Sauerstoff zu bekommen, habe ich damit immerhin nie Probleme. Hinlegen, sofort einschlafen, fertig.

Wieder lassen wir uns viel Zeit um dieses erstaunliche Naturschauspiel ausreichend zu geniessen. Hier hat man wirklich das Gefühl die Erde lebt. Überall blubbert und köchelt oder dampft es. Auch sind die vielen Farben durch die diversen Mineralien faszinierend. Besonders, wenn man einmal näher ran geht und sich auch den Makrobereich anschaut. Eine kleine eigene Welt für sich.

Kurz darauf erreichen wir den höchsten Punkt dieses Abschnitts mit 4928 Metern. Ein Rückenwind weht uns über den höchsten Pass, so stark und schnell (14 km/h bergauf, endlich halbwegs gute Strasse), dass wir erst hinter den Pass mitbekommen, dass das jetzt der Pass war. So wird das Passfoto etwas verspätet nachgeholt. Aber immerhin immer noch auf ca. 4906 m Höhe.

Danach geht es über 20 km bergab. Endlich mal fahrend. Rasend schnell, ob der ab hier endlich besser werdenden Pistenverhältnisse. Endlich bewegt sich der Tachometer mal wieder über 30km/h.

Von Nuno ist schon bald keine Sicht mehr. Marika und ich können gar nicht verstehen, was in ihn gefahren ist. Sonst warten wir immer in regelmäßigen Abständen aufeinander. Nicht so heute. Na gut, irgendwann werden wir ihn schon wieder treffen.

Dem ist auch so, als wir an den Thermas Chalviri ankommen. Nuno, die Wasserratte, sitzt schon grinsend im Wasser. Marika und ich noch unentschlossen, entscheiden uns nach einiger Zeit dann doch in den Tiefen der Packtaschen die Bikinis rauszukramen. Und bereuen es nicht. Das 39 Grad warme Wasser ist unglaublich entspannend und wohltuend für die angespannten Muskeln und wohl noch mehr für unsre Psyche und unser Wohlbefinden. Zumal es nachmittags 16 Uhr war und wir die Thermalquelle für 1.5 Stunden nur für uns hatten.

Nach dem Bad fragen wir beim Besitzer des Refugios auf der Straßenseite gegenüber nach einer Schlafgelegenheit. Ist doch unter Reiseradlern bekannt, dass wir auf dem Boden des Refugios oder des Restaurants schlafen dürfen. Dies bekommen wir jedoch nicht genehmigt, da das Restaurant geschlossen und das Refugio bereits bis zum letzten Platz belegt ist. Allerdings hätte er noch ein anderes Refugio weiter oben, in dem er uns einen Platz im Flur anbieten könnte. Leider kein Bett, denn auch hier wären alle Betten durch die Jeeptouristen belegt. Egal, dies Angebot nehmen wir natürlich gern an. Schleppen wir doch eh alles mit in den Packtaschen. Nur die Fahrräder müssten draussen bleiben, sonst wird es im echt sauberen Refugio zu dreckig. Also gut. Wir stellen sie an eines der Fenster unter denen wir schlafen.

Abends werden wir vom Herbergswirt noch zum Abendessen eingeladen. Sprich den Überresten an Suppe und Spaghetti mit Tomatensauce, die die Jeeptouristen übrig gelassen haben. Und verzehren es in der Küche des Refugios bei echter bolivianischer Atmosphäre. Danach spendiert Marika mal wieder eine ihrer Leckereien, die sie zu Nunos und meiner Verwunderung immer mal wieder aus den Untiefen ihrer Packtaschen für uns herauszaubert. Diesmal einen Whiskey.

Danach fallen wir, mal wieder, glücklich ins Bett. Nicht ahnend, dass es eine sehr kurze und erlebnisreiche Nacht werden sollte.

 

 

Tag 9 Lagunenroute: Thermas Chalviri bis Refugio Laguna Blanca

1 Uhr. Was ist das denn für ein Krach? Ich bin noch in der Übergangswelt zwischen Schlaf und Wachsein. Nuno dagegen ist schon aus seinen Schlafsack aufgesprungen. Erst war es ein Streit zwischen 2 Bolivianern draussen, genau vor den Fenstern unter denen wir schliefen. Das war also der Krach gewesen. Aber Moment, da stehen doch unsre 3 Fahrräder. Die werden doch wohl nicht versuchen die jetzt hier (mitten in der Nacht und in einer der einsamsten Gegenden der Welt) zu klauen. Sofort bin ich hellwach. Als plötzlich der nächste Schock kommt. Es ertönt ein anderer Krach. Was ist das jetzt wieder?! Erst beim zweiten Mal kann ich das Geräusch zuordnen. Hier hat jemand zuerst mit einem Stein das Fenster eingeschlagen, bevor der Stein, immerhin in Größe eines Babykopfes, dann mit voller Wucht durch das Fenster geworfen wurde. Und mit voller Wucht gegen eine Zimmertür gegenüber kracht, so dass es den Putz vom Türrahmen regelrecht wegsprengt. Was mach ich denn jetzt? Ich schlafe in der Mitte unter den 3 danebenliegenden Fenstern. Instinktiv Rolle ich mich an die Wand. Nuno geistesgegenwärtig ist schon durch die Tür. Kann aber von dem Typ nur noch die weglaufenden Umrisse erkennen. Marika und ich sind nun auch draussen und bringen erstmal unsre Fahrräder in Sicherheit. Bei den überall herumliegenden Glassplittern macht ein bisschen Dreck durch unsre Fahrräder nun auch keinen großen Unterschied mehr.


Durch den Krach wurden natürlich auch viele andere Jeeptouristen wach, die nun alle kommen und fragen, was denn eigentlich los ist. Nach 1 Stunde kehrt wieder halbwegs Ruhe ein. An eine angenehme Nachtruhe ist für mich dennoch nicht mehr zu denken. Eher ein Dösen. Gegen 5 Uhr stehe ich dann auf. Wenn ich eh nicht schlafen kann, kann ich auch aufstehen und versuchen den Sonnenaufgang zu fotografieren.

Und laufe erstmal runter zur Thermalquelle, wo wir die ganzen leeren Schnapsflaschen und Bierdosen sehen, die die Jeepfahrer gestern dort getrunken haben. Das erklärt natürlich einiges.

Weiter geht es entlang der Lagune, die teilweise gefroren ist. Nicht verwunderlich bei diesen eisigen Temperaturen. Das heiße Wasser lässt allerdings nicht alles zufrieren, sondern steigt als Dampf auf. Zusammen mit den Flamingos und anderen Vögel sehr fotogen. Dafür lohnt es dich doch, so früh aufzustehen und dann, mal wieder zitternd, einen magischen Moment zu erleben.


Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Pfannkuchen und jeder Menge dulce de Leche begeben wir uns gegen 8 Uhr auf den Weg. Und sind heilfroh, ob unseres Glücks gestern die Thermalquelle für uns zu haben. Sitzen doch jetzt so um die 30 oder 40 Jeeptouristen eingepfercht in der Thermas.

Weiter geht es, mal wieder, entlang staubiger Pisten. Sobald ein Jeep kam, hiess es dann zwangsläufig viel Staub schlucken. Diesmal hatten wir jedoch ein mehr als ungutes Gefühl, sobald sich uns ein Jeep näherte. Wussten wir doch vom Morgen, dass viele Jeepfahrer noch betrunken waren von der letzten Nacht. Und da die meisten ihre Touristen an der bolivianisch – chilenischen Grenze absetzten und leer ohne Touristen zurückfuhren, mussten sie auch auf niemanden mehr Rücksicht nehmen.

Das machte es für uns nicht einfacher, zumal wir den nächsten 4726 m Pass überfuhren. Die Strasse war hier viel zu eng für uns und die Jeepfahrer, so dass wir unseres Lebens willen, immer wieder in den Strassenrand auswichen. Das ist meist das schlimmste, aus seinen Tritt gebracht zu werden, anhalten zu müssen und dann erneut erstmal die Schwerkraft bergauf mit dem bepackten Reiserad überwinden zu müssen.

Runter ging es mal wieder eher schleppend. Und auch der Weg entlang der beiden letzten Lagunen, der Laguna blanca und der Laguna verde, zog sich gefühlt ewig in die Länge, bevor wir dann endlich das Refugio an der Laguna Blanca erreichten und uns nach einigen Trubel, in welchen Betten wir übernachten durften, endlich mit anderen Bergsteigern und einem anderen Reiseradler bei Bier unsere Geschichten erzählten, unser Abendessen und vor allem eine wunderbare Gesellschaft genossen.

 

 

Tag 10 Lagunenroute: Refugio Laguna Blanca bis nach San Pedro de Atacama

Nach einem langen Frühstück kommen wir recht spät los und erreichen kurz vor der Mittagspause das bolivianische Grenzhäuschen, und holen uns gerade noch rechtzeitig vor der Mittagspause unseren Ausreisestempel. Den chilenischen Einreisestempel gibt’s erst in dem 45 km entfernten San Pedro de Atacama. Bis dahin sind die 45 km fast auch nur bergab (knappe 2400 Höhenmeter).

Hatte der grobe Asphalt schon direkt an der chilenischen Grenze angefangen, stand nochmal ein kurzer Anstieg an, bevor wir dann die richtige Strasse nach San Pedro de Atacama erreichten. Ein Traum! Glatter Asphalt! Zum Küssen und Anbeten!

Noch kurz eine Mittagspause gemacht, wieder mal in Gesellschaft eines Fuchses, in der wir die restlichen Essenssachen auffutterten. Schliesslich durfte man nach Chile keine frischen Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Fleisch oder ähnliches importieren. Aber sowas hatten wir eh eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr gesehen, geschweige denn gegessen. Nur Staub und Sand!

Mit jeden 1000 Höhenmeter Unterschied wurde es heisser und heisser. Man konnte deutlich spüren, dass wir nun in der Nähe der trockensten Wüste der Erde waren. Und mitten drin San Pedro de Atacama, eine Oasenstadt. Ausgangspunkt für viele weitere Unternehmungen, und dementsprechend teuer. Besonders im Gegensatz zu Bolivien.

Dafür gab es jetzt endlich wieder alle zivilen Annehmlichkeiten und vor allem Möglichkeiten Essen einzukaufen. Das taten wir dann auch. Und zwar reichlich! Waren wir doch alle für unsere Verhältnisse ziemlich abgemagert. Dazu kamen eine Dusche mit warmen Wasser! Und seit 5 Wochen wieder Internet.

Das war schon schön, zumal jetzt endlich wieder eine Kommunikation nach Europa für mich möglich war. Allerdings hilft so eine digitale Detoxifikation auch den Kopf frei zu bekommen. Ich habe in dieser Zeit viel klarer denken können und bin viel kreativer geworden. Ob das nun an der Höhe, dem offline Leben oder der „Eintönigkeit“ der Landschaft lag, kann ich nicht sagen. Auch empfand ich die Wüstenlandschaft und die Vulkane als keineswegs langweilig. Eher im Gegenteil. Jedoch glaube ich auch, dass die Wüste jeden einzelnen anders beeinflusst. Viel spielt sich im Kopf ab. Wie auch bei mir. Die ersten Tage alle ein innerer Kampf. Ich bin überzeugt, dass besonders diese Strecke viele innere Dämonen zutage bringt, mit denen man sich mehr oder weniger auseinandersetzen muss oder kann. Schliesslich bietet sich dem Auge auf den ersten Blick nicht viel äußere Ablenkung. Oft zählt es nur voran zu kommen mit dem Fahrrad. Gleichzeitig hat man das Gefühl, dass die Zeit stehen bleibt, man setzt sich zwangsläufig viel intensiver mit sich, unserem Planeten (denn manchmal fühlt man sich als wäre dieser Ort kein Teil unserer Erde) und dem sprichwörtlichen Universum auseinander.

Dennoch möchte ich diese Erfahrung nicht missen. Zählt doch diese Strecke für mich zu einer der schönsten Erlebnisse meiner Reise. Das habe ich aber zu einem sehr grossen Teil auch Marika und Nuno und unseren tollen Reisegesprächen und -diskussionen zu verdanken!

Im Übrigen wird ein Abenteuer definiert als ein ungewöhnliches, unbekanntes, aufregendes Erlebnis oder Erfahrung. Muss es zwangsweise immer gefährlich sein? Verbinde assoziiere ich doch das Wort Abenteuer mehr mit Filmen wie Indiana Jones oder Star wars, oder anderen inspirierenden Menschen wie Arved Fuchs, der Norwegerin Cecilie Skog oder dem Engländer Alastair Humphreys. Aber vielleicht ist es auch einfach das persönliche Erleben, ohne zu wissen, was kommt und wie es ausgeht. Vielleicht ist es auch gerade das Unbekannte, was ein Erlebnis erst zum Abenteuer macht bzw. das Abenteuer so aufregend und gefährlich macht. Danach weiss man ja, das alles gut gegangen ist und man hat deutlich weniger Schmetterlinge im Bauch. Und sich trotzdem darauf einzulassen. Es muss ja nicht immer gleich in den Expeditionsbereich gehen. In diesem Sinne war gerade diese Strecke – das Erfahren der Lagunenroute mit dem Fahrrad – ein unglaubliches Abenteuer!

 

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